Dienstag, 10. Februar 2009

Futurologie I: Wat Nu?

Im Nachhinein über Fehlentwicklungen zu meckern, ist eine Sache, sie korrekt vorher zu sagen eine andere. Von denen, die es schon immer wussten, zitiert der Focus heute Hr. Shiller und gestern Hr. Roubini. Das Blasen immer irgend wann platzen, haben beide richtig erkannt, was fehlt ist aber die langfristige und nachhaltige Lösung des Problems.

Aber hängen wir uns mal aus dem Fenster, und prognostizieren die Entwicklung der nächsten Zeit. Wie bei jeder Prognose ist die größte Schwierigkeit der Vorhersage die Zeitschiene, denn es spielen zu viele Faktoren mit, zu denen natürlich auch die Psychologie der beteiligten Akteure eine gewichtige Rolle spielt. Die folgende Grafik ist daher auch mit 2009 ff. für fortfolgende Jahre betitelt.

Die Ist-Situation war Ende 2008, gerundet, etwa: BIP 2400 Mrd., Staatsverschuldung 1600 Mrd., Bankenaktiva/passiva 8100 Mrd. Euro. Die Staatsverschuldung ist natürlich ein Teil dieser Aktiva. Für die weitere Entwicklung seien einige Modelle angeführt:

Modell A, Talsohle bald erreicht: In den letzten Monaten sind hunderte von Mrd. Euro in der BRD auf die Schiene gesetzt worden, 550 Mrd. für das Bankenrettungspaket, 93 Mrd hat alleine schon die Hypo Real Estate gefressen, ungefähr 20 Mrd. für WestLB und Bayerische Landesbank, über 50 Mrd. das Konjunkturpaket, steigende Arbeitslosigkeit und damit Sozialausgaben etc. pp. Gleichzeitig wird geschrien, dass dies alles viel zu wenig sei, es ist mit Sicherheit nur der Anfang. Aber selbst wenn wir annehmen, dass nichts weiteres notwendig wäre, so steigt die Staatsverschuldung dieses Jahr um 600 Mrd. Euro auf tatsächlich 2200 Mrd. Gleichzeitig sinkt das BIP um schätzungsweise 10% auf 2160 Mrd. Euro. Das ist auch dann so, wenn man das Bankenrettungspaket schönfärberich als Sondervermögen in der Bilanz versteckt. Ganz richtig, wenn der Staat Schulden übernimmt, nennt er das Vermögen.

Modell B, Bankenrettung: Man entscheidet sich für eine Rettung der Banken. Vorsichtige Schätzungen des Finanzministeriums gehen von 1000 Mrd. fauler Derivate aus, es ist aber viel mehr. So etwa bei der Hypo, wo alleine schon 400 Mrd. lauern. Mit 2000 Mrd. dürfte die Fahnenstange immer noch nicht zu Ende sein, denn mit jedem Tag der Krise werden die faulen Anlagen mehr. Rechnen wir also 2000 Mrd., wobei es ziemlich egal ist, wie man die versteckt, sei es als direkte Zahlungen, Bad Banks, Garantien, Versicherungen etc. pp. Dann steigt die Staatsschuld auf exorbitante 3600 Mrd. an, während die Bankenaktiva erhalten bleiben.

Modell C, Firmenrettung: Man lässt die Banken komplett hängen, und stützt statt dessen die Konjunktur durch massive Kredite und Subventionen. In einem geschlossenen Wirtschaftsraum ist der Unterschied nicht wirklich groß, dafür benötigt man fast genauso viel Geld, dass man sich wieder bei den Banken leihen muss. Nehmen wir trotzdem nur 1000 Mrd. dafür an, begleitet von einem moderaten Rückgang der Bankenaktiva für nicht mehr haltbare Derivate. Die Staatsschuld steigt auf 2600 Mrd. Euro an.

Modell D, Geld drucken: Ende 2008 schuldete der Staat den Vermögen (Bankenpassiva) 1600 Mrd. Euro. Die Anzahl der faulen Kredite der Banken (Aktiva) ist in der gleichen Größenordnung. Wenn die Banken jetzt also genauso viel Geld von uns Steuerzahlern haben wollen, so könnten wir die einfach gegen die Schulden austauschen. Dafür kauften wir einfach die ganzen Staatsobligationen mit frisch gedrucktem Geld zurück. Danach wäre der Staat praktisch schuldenfrei, und die Banken hätten frisches Geld zum arbeiten und könnten die faulen Kredite ablösen. Die Staatsschulden sinken dabei auf einen Restbetrag von 200 Mrd. Euro. Die Bankenaktiva sinken moderat.

Modell E, Währungsreform: Der schnellste, aber unbeliebteste, Weg aus der Krise ist eine echte Währungsreform. Etwa wie 1948. Das alte Geld wird für ungültig erklärt, neues Geld, etwa die gute alte D-Mark, wird ausgegeben. Und zwar in ungleichen Verhältnissen, nämlich etwa Löhne, Gehälter, Mieten 1:1 und Aktiva(Kredite)/Passiva(Vermögen) im Verhältnis 1:10. Ein einfache Ummünzung reicht natürlich nicht, denn dann werden die alten Verhältnisse lediglich neu zementiert. Nehmen wir dabei ein kräftiges Sinken des BIP auf 2000 Mrd. Euro an, so wären aber die Staatsschulden danach mit 160 Mrd. und die Bankenaktiva/passiva mit etwa 800 Mrd Euro wieder im grünen Bereich, etwa auf dem Niveau der Wirtschaftswunderjahre. Erst danach sind diese nämlich wieder unterhalb der neuralgischen Grenze des BIP, der die Deckung übernimmt (fette Linie).

Tatsächlich macht man weltweit zur Zeit einen Mischmasch aus diesen Möglichkeiten, vor allen der Modelle A bis D. Diese haben aber alle den Nachteil, dass sie das Grundproblem der erdrückenden Bankenaktiva nicht beseitigen. Denn private Schulden sind genauso schädlich, wie staatliche Schulden. Das wird immer verkannt. Der Unterschied besteht nur im Vollstrecker der daraus resultierenden Zinsschuld: Während die Verzinsung der Staatsschulden über den Staat sofort vom kleinen Mann eingezogen und auf die Konten der Finanziers transferiert werden, besorgen das bei den privaten Vermögen die Finanzjongleure. Der Zinsbedarf der 8000 Mrd. Bankenaktiva beträgt nämlich 5 – 10 % und somit durchschnittlich etwa 600 Mrd. Euro die jährlich auf verschiedenen Wegen dem BIP entzogen werden müssen. Mit einfacher Kreditwirtschaft geht dies aber schon lange nicht mehr, denn soviel Geld wie da rumliegt braucht kein Mensch, jedenfalls nicht zum arbeiten.

Also entwickelte man immer neue Derivate, von denen die klassische Aktie die scheinbar harmloseste Variante ist. Da kitzelte man die Verzinsung zum Teil mit Massenentlassungen heraus, um den Kurswert zu steigern und die gegenüberstehenden Kosten via Sozialabgaben dem Steuerzahler zu überlassen. Ganz zu schweigen von den Schrottderivaten, die jetzt das Problem darstellen sollen. Sie sind aber nur die absurdeste Variante eines viel größeren Grundproblems.

Kommentare:

  1. Ein interessanter Beitrag (wie auch die anderen von Ihnen, die ich gelesen habe). Allerdings meine ich, dass wir nicht dem Kapital noch Beihilfe leisten sollten, indem wir die terminologische Verwirrung befördern. Aktien sind keine Derivate; wer insoweit vom allgemeinen Sprachgebrauch abweichen will, müsste das einleuchtend begründen.

    Ohnehin ist mir unklar, inwieweit die Derivate derzeit ein Problem sind. Für die Versicherungsgeber (wie z. B. AIG) natürlich schon; warum aber die Finanzinstitute derart unter der Immobilienkrise zu leiden haben, obwohl sie sich doch angeblich durch Derivate umfangreich gehedged haben: das bleibt mir schleierhaft.

    Was uns fehlt sind investigative und aggressive Journalisten, welche insoweit Klarheit schaffen.
    Beispiel HRE: wo genau liegt dort das Problem? Dass die Depfa langfristig Kredite vergeben hat und jetzt keine kurzfristigen Refinanzierungen am Bankenmarkt bekommen kann, lässt sich noch verstehen. Aber dann kommt ein Geblubber von einem journalistischen Mundstück der Politik, wonach die HRE Kredite über 1 Bio. € finanziert habe, obwohl man bisher von lediglich 400 Mrd. ausgegangen sei ( http://www.haz.de/content/view/full/23552 ).
    Die HRE bestreitet in einer Pressemitteilung ( http://www.hyporealestate.com/pdf/PI-HAZ_1_billion_Endfassung.pdf ) und verweist darauf, dass es insoweit um Derivate geht, die lediglich im Nennwert derartig hoch sind, tatsächlich aber zur Absicherung eingegangen worden seien.
    Journalisten, die ihr Geld wert sind, müssten eine derartige Mitteilung eigentlich zerfleischen wie Bulldogs ein Opfer. Nur sind letztere unschuldig sind, während die Pressemitteilung in stärkstem Desinformationsverdacht steht.
    Wieso fährt die HRE gewaltige Verluste aus einem Kreditportefeuille von 400 Mrd. € ein, wenn sie sich gleichzeitig im Umfang von 1 Bio. € gehedged hat? Das sollte sich auch die Politik fragen. Und vor allem uns Steuerzahlern sagen.

    Sie sehen: da ist viel Unklarheit in der Debatte. Klar ist nur, dass zuerst die Immobilienkredite wackelten (in den USA, aber wohl auch in Spanien und Großbritannien). Welche weiteren Kreise das dann zog, und wieso die Banken durch die umfangreich im Finanzsystem vorhandenen Kreditsicherungsderivate (Credit default swaps - CDS') nicht besichert waren: das ist, für mich jedenfalls, das große Rätsel an der Finanzmarktkrise.

    Ceterum censeo, dass der Derivatemarkt sogar als eine List der Marktvernunft, oder eine Notwehr des Marktes, verstanden werden kann oder muss (vgl. meinen Blog-Eintrag "WAS SIND DERIVATE oder HAT ES BEI IHNEN GEKLINGELT?" - http://beltwild.blogspot.com/2006/05/was-sind-derivate-oder-hat-es-bei.html )

    Was die echten Derivate angeht, ist mir auch der Mechanismus unklar, mit dem die Finanzwirtschaft durch interne Transaktionen mit Derivaten direkt Vermögen aus der Realwirtschaft ziehen könnte. Außer natürlich, man verkauft Derivate an Private (und Firmen der Realwirtschaft; die benutzen solche Dinger aber i. d. R. wohl eher zur Absicherung von Forderungen, was ich auch für legitim halte). Gerade in Deutschland kaufen, was in der aktuellen Diskussion leider untergeht, die Privaten wie die Verrückten Derivate (Euwax - Optionsbörse Stuttgart!).

    Ich halte es allerdings für möglich, dass das Finanzsystem insgesamt mit der Verbuchung der Derivate einen Scheinreichtum vortäuscht. Das kann ich allerdings nicht belegen; dafür bräuchte man eine intime Kenntnis der Regelungen für die Bilanzierung der Finanzinstitute im allgemeinen und der Derivate im Besonderen. (Meine einschlägigen Überlegungen unter : "Kipper, Wipper, Notenbanken" - http://beltwild.blogspot.com/2009/01/die-credit-default-swaps-als.html und "Neuartige Buchgeldschöpfung im Finanzsystem als Ursache der Finanzmarktkrise: Heureka oder Denkfehler?" -http://beltwild.blogspot.com/2009/02/neuartige-buchgeldschopfung-im.html )

    Insgesamt haben Sie aber natürlich Recht: es werden gewaltige Kosten (Steuern oder Inflationssteuer) auf uns zukommen.

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  2. Yep, ganz richtig. Mit der Bezeichnung "Derivat" bin ich als Physiker die Definition aus der Chemie gewohnt. Derivat=Ableitung von einem Stoff. Also Derivat von Geld, alles was vom Geld abgeleitet ist.

    Natürlich gibt es eine Reihe von Finanzprodukten (http://de.wikipedia.org/wiki/Derivat_(Wirtschaft)) mit den tollsten Bezeichnungen. Die klassische Aktie wird tatsächlich nicht als Derivat bezeichnet, nicht ganz zu unrecht, denn sie stellt im Idealfalle einen konkreten Gegenwert im BIP dar, ganz ähnlich dem Geld.

    Derivate und Derivate 2. Grades sind dagegen i.d.R. reine Wetten auf den Eintritt irgendeines Ereignisses, also reines Spielcasino.

    Schlimm ist, dass heute zunehmend Geld mit BIP verwechselt wird. Nicht Geld ist BIP, sondern BIP ist Geld. Das ist ein mächtiger Unterschied.

    Andererseits stellen Verbindlichkeiten (etwa auch Bankenaktiva/passiva resultierend aus Derivaten 2. Grades) einen Anspruch gegen das BIP dar, ganz egal auf welchen merkwürdigen Pfaden sie entstanden sind.

    Und da liegt eben das Problem: Diese explodierten Werte, die niemals durch BIP gedeckt waren, müsste man jetzt genau so verpuffen lassen, wie sie quasi aus dem Nichts entstanden sind. Stattdessen aber redet die Kreditwirtschadft der Politik ein, man dürfe Banken nicht pleite gehen lassen, und der Steuerzahler müsste diese Luftmilliarden jetzt in echtes BIP verwandeln!

    Das bedeutet aber, das er bei einem BIP/Aktiva_Verhältnis von 3,3 bis zum Sankt Nimmerleinstag dafür schuften darf.

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  3. Das würde ich nicht sagen, dass Derivate reine Wetten sind. Wenn z. B. Porsche den Dollarkurs für seine Exporte in die USA absichert, dann mag das für die Gegenpartei eine Wette sein; für Porsche ist es eine Versicherung.

    Eine Versicherung waren sicherlich auch ein Großteil (wenn auch vielleicht relativ ein Anteil von weit weniger als 50%) die Credit Default Swaps für jene Banken, welche ihre Giftmüllkäufe absichern wollten.

    Verstehen kann man natürlich, wieso AIG jetzt Probleme hat. Unverständlich ist nur, wieso die Banken, wenn sie sich doch in großem Umfang abgesichert haben, nunmehr so sehr in Schwierigkeiten geraten können.

    Bei der HRE habe ich diesbezüglich mal bei der Presseabteilung angefragt. Eine Antwort erwarte ich natürlich nicht; aber warum der professionelle Journalismus, und insbesondere die Wirtschaftsblätter, solche Fragen nicht stellen: das frage ich mich denn doch.

    Text meiner Mailanfrage an die HRE:

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    der kommerzielle Journalismus scheint Ihre Pressemitteilung nicht zu hinterfragen; da versuche ich es mal (im Zusammenhang mit meinem Blog-Eintrag "HRE Enteignungsdiskussion: Ministerpräsident Oettinger gegen christliche Goldfinger?").
    Sie schreiben:
    "Derivategeschäfte [dienen] zum weit überwiegenden Teil der Absicherung von Kredit- und Marktrisiken und würden darüber hinaus regelmäßig im Geschäftsbericht ausgewiesen. Die Hypo Real Estate Group sichert, so wie andere Banken und Marktteilnehmer auch, mit Derivategeschäften Kredit- und Marktrisiken ab, die zum Beispiel aus Veränderungen bei Zinssätzen und Währungskursen resultieren. Solchen Absicherungsgeschäften stehen Grundgeschäfte gegenüber. Die Absicherung zielt auf die Vermeidung von Risiken ab, nicht auf das Eingehen zusätzlicher Risiken. Aktuell beträgt das Nominalvolumen an Derivaten bei der Hypo Real Estate Group rund 1 Billion Euro."
    Der Umfang Ihres Kreditvolumens wird mit 400 Mrd. € angegeben. Ihr Kreditvolumen wäre also 2,5 mal besichert oder, wenn man an Ihre einschränkende Formulierung "zum weit überwiegenden Teil" denkt, müsste vielleicht 2-fach besichert sein.
    Wieso hat Ihre Bank dann Probleme, wieso muss der Steuerzahler bluten, wenn Sie doch voll oder weitgehend abgesichert sind???
    Mich wundert es doch sehr, dass sich darüber anscheinend noch niemand gewundert hat!
    Es wäre für mich und für meine Blog-Leser (und für die Steuerzahler) sicherlich von Interesse, wenn Sie mir hierzu eine Erklärung geben könnten.
    Für Ihre Mühe besten Dank im Voraus!

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  4. Yep, Volltreffer. Die HRE hat sich selbst so dummgeschwätzt, das ihr der Blödsinn garnicht mehr auffällt.

    Vielen Dank für die herrliche Stilblüte.

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  5. Ja, wat nu? Wie sollte der erste erfolgversprechendste Schritt für Modell E aussehen? Initiativen wie INWO.de existieren schon lange, aber wirkungslos.

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  6. Hallo Hr. Neitzke,

    ja wie soll Modell E in der Realität aussehen. Man kann auf das Modell Russland / Rubel verweisen. Ich denke ich werde die Tage etwas konkretes dazu schreiben. Denn einfach ist Modell E wirklich nicht durch zu setzen.

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