Donnerstag, 16. April 2009

Krieg und Frieden der Währungen


Der Welt droht ein Krieg der Währungen, schreibt gestern die Zeitung Die Welt. „Immer mehr Staaten setzen im Kampf um Wettbewerbsvorteile auf die Abwertung ihres Geldes – auf Kosten der Nachbarn. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Wer die billigste Währung hat, kommt besser durch eine Krise und als erster aus ihr heraus.... Weltweit ist die Währungsschlacht eröffnet. .... Mit Devisenmarktinterventionen, billionenschweren Anleihekäufen oder ultrabilligem Geld starten Notenbanken einen Feldzug für die heimische Konjunktur.....Wer im internationalen Vergleich die billigste Währung hat, kommt besser durch eine Wirtschaftskrise und auch als erster aus ihr heraus. .....So sollen gezielt Schweizer Franken verkauft und dafür fremde Valuten erworben werden. Einen ähnlichen Schritt brachte jüngst der Vizechef der Schwedischen Riksbank Lars E.O. Svensson ins Spiel. „Eine Abwertung wäre die beste aller möglichen unkonventionellen Maßnahmen.“

Insbesondere der Dollar ist im Visier: „„Faktisch wirft die Fed die Notenpresse zur Finanzierung des Staatshaushalts an“, sagt Christian Apelt, Devisenstratege der Helaba in Frankfurt. Die avisierten Transaktionen würden die amerikanische Geldmenge erhöhen. „Nach monetären Wechselkurstheorien führt solch eine Expansion zu einer Währungsabwertung“, sagt Apelt. Geldmengenausweitungen würden in der Regel ein Überschießen des Wechselkurses nach sich ziehen, warnt er. Der Dollar könnte also stärker abwerten als es theoretisch gerechtfertigt erscheint.“

Weltweit jedoch hilft dies allein nicht weiter: „...Schließlich funktioniert das Ganze weltweit wie ein Nullsummenspiel. Die wirtschaftlichen Abwertungsgewinne des einen Landes sind die ökonomischen Verluste des anderen. Schon einmal – nämlich in den dreißiger Jahren – entwickelte sich aus dieser Gemengelage ein Währungskrieg, der erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch das Währungssystem von Bretton Woods beendet wurde.“

Volkswirte tun sich schwer in der Analyse der aktuellen Verhältnisse und der Prognose der mittelfristigen Zukunft. Selten sind die Vorhersagen der tonangebenden Wirtschaftweisen korrekt, wenn überhaupt mehr kurzfristig. Nur wenige Außenseiter sahen die aktuelle Krise vorher und auch jetzt wird alle paar Wochen schon wieder die Talsohle erblickt und ein schnelles Ende des Dilemmas verkündet. Wenn sich die Börse ein paar Tage beruhigt oder wenigstens eine Verlangsamung des Abstiegs zu beobachten ist, so wird dies gleich mit dem bevorstehenden Ende der Krise und einem neuen, unbegrenzten und allgemeinen, Wohlstandssteigerungsausblick gleich gesetzt.

Die Ursache für dieses seltsam anmutende Verhalten ist in den Standardlehren der Makroökonomie zu suchen. Denn diese behandeln die Ökonomie als quasi offenes System ohne für das Ganze wesentliche Grenzen. Insbesondere die unangefochtene Wahrnehmung des Kapitals als etwas grundlegend Gutes ist hier ursächlich. Zwar werden öffentliche Schulden und ihre Problematik grundsätzlich verstanden und gegeißelt, die privaten Vermögen und damit verbunden Aktiva werden aber weitestgehend außen vor gelassen.

Die Logik dahinter ist: Wenn keine Kredite nachgefragt werden, dann braucht sie ja auch keiner zu nehmen. Und das Kapital kann ja dann woanders hinziehen, wo noch eine Nachfrage besteht. Nun, das stimmt, solange das System keine wesentlichen Grenzen hat. Sind diese jedoch erstmal gefährlich nahe, dann sind die resultierenden Randeffekte weit wichtiger. Denn erstens gibt es dann keine geeignete Wirtschaftsregion mehr, wo man noch hinziehen könnte, und zweitens wird dem Kunden BIP die Kredite und Derivate praktisch aufgezwungen.

Werden nämlich nicht mehr genug klassische Kredite von den Wirtschaftenden nachgefragt, dann bildet man eben Konstrukte, wie etwa Hedgefonds, um auf Renditen aus dem BIP zu zugreifen. Oder man schwatz Leuten Kredite auf, die diese eigentlich gar nicht bedienen können, dass ist die Ursache der letzten Subblase der amerikanischen Immobilienkrise. Und noch viele andere krumme Methoden, die ich an dieser Stelle nicht weiter ausführen möchte. Allen gemeinsam ist jedenfalls, dass man auch ohne Investition in reale Wirtschaft Anteile aus dem BIP herausziehen kann. Und man es natürlich auch macht, solange es nicht massiv verboten und verfolgt wird.

Und als wenn das nicht schon schlimm genug wäre, der ganzen Problematik liegt noch eine ganz grundsätzliche Tendenz zur überproportionalen Vermögensakkumulation zu Grunde, die von der Schulökonomie überhaupt nicht wahr genommen wird: Die Vermögenskonservierungseigenschaft und Zinseszinsmethodik besonders der Kapitalwirtschaft, durch die jedes Bruttoinlandsprodukt nach absehbarer Zeit ins Hintertreffen geraten muss. Die seit dem Politikwechsel der Reagan-Präsidentschaft zunehmend entfesselte Gier der Finanzeliten hat diese Entwicklung lediglich unangenehm beschleunigt.

Schauen wir uns dazu die folgenden Schaubilder an: In ersterem (Szenarien A bis C) ist die Entwicklung einer Volkswirtschaft, am Beispiel der BRD, zu sehen. Eine Volkswirtschaft ist im Prinzip ein Prozessor, an einem Ende kommen Rohstoffe hinein, am anderen Ende Müll (Emissionen aller Art) heraus. Darin wird Wohlstand geschaffen, im günstigsten Falle für alle Beteiligten gleichermaßen. Die Welt als ganzes ist dabei sicher ein geschlossenes System, denn es findet kein wirtschaftlicher Austausch mit dem Weltall statt, von winzigen Marginalien einmal abgesehen.

Einzelne Volkswirtschaften dagegen sind nie ganz abgeschlossen, sondern Wechselwirken mit anderen Ökonomien. In Zeiten der Nationalstaatlichkeit ist dieser Austausch jedoch so begrenzt, das man sie als quasi-geschlossene Systeme betrachten kann. Einen gegebenen Ausenhandelsüber- oder unterschuss kann man unter Input (Rohstoffe) oder Output (Müll) subsummieren. Der wesentliche Grund für die Globalisierung der letzten Jahrzehnte war die Tatsache, dass die quasi-geschlossenen Volkswirtschaften, insbesondere das darin aufgestaute Kapital, längst die Grenzen des Systems erreicht hatten und zu sprengen drohten. Mit der Globalisierung gewann man daher Raum, und damit Zeit, für weitere Entwicklungen. Inzwischen aber gilt das obige Schaubild für die Weltwirtschaft insgesamt, im Grundsatz, genauso. Wobei die rote Aktivablase weltweit und andernorts noch weit schlimmer aussieht, als in der properen BRD.

(Alle Bilder in diesem Blog können durch anklicken in Vollauflösung gesehen werden.)

Szenario A entspricht etwa den Verhältnissen der 1950er-Jahre, nachdem die Währungsreform von 1948 die Wohlstandsuhr auf Null gestellt hatte. Durch diese Umstellung waren sowohl das Bruttoinlandsprodukt (BIP, aus Arbeit und Produkten) als auch die Banken-Aktiva (Vermögen sind Banken-Passiva, Kredite und dergleichen Banken-Aktiva) recht klein in absoluten Werten. Insbesondere lag das BIP/Aktiva-Verhältnis bei nur 1:0,4. Eine Volkswirtschaft benötigt Rohstoffe aller Art um damit Produkte (Waren und Dienstleistungen) zu schaffen, die die Bedürfnisse und den Wohlstand der Bevölkerung befriedigen und mehren. Die dafür benötigte Arbeit wird mit Geld entlohnt, welches damit gleichzeitig den berechtigten Anteil an den erarbeiteten Produkten (BIP) regelt.

Szenario B entspricht etwa den Verhältnissen der Wirtschaftswunderjahre der 1960er und auch noch der 1970er Jahre. Das BIP hatte kräftig zugelegt und natürlich auch die Aktiva und Vermögen. Allerdings war das BIP/Aktiva-Verhältnis erst Mitte bis Ende der 60er auf etwa Parität 1:1 gestiegen. Das ist durchaus noch ein unproblematisches Verhältnis, denn die in der Volkswirtschaft vorhandenen Werte übersteigen das aktuelle BIP um die noch nicht abgeschriebenen BIP-Werte der Vergangenheit. Gleichzeitig nahm natürlich der Bedarf an Rohstoffen zu. Die Löcher in der Umwelt wurden größer und der Output an Müll genauso. Diese Belastung wurde zunehmend auch so empfunden und das Recycling von Rohstoffen wurde zunehmend nötig. Neue politisch relevante Strömungen wie die Grünen entstanden. Die Staatsverschuldung, die in den 50er-Jahren praktisch irrelevant war, steigt nun erstmals auf eine Größe, die politische Bedenken bei der jeweiligen Opposition auslösen.

Szenario C entspricht etwa den Verhältnissen ab dem Jahre 2000 (die Bilder entsprechen den realen Größenverhältnissen). Trotz aller Bemühungen hat die Umweltbelastung ungekannte Dimensionen erreicht. Die Polkappen schmelzen ab, es wird zu nehmend wärmer. Obwohl von der Mehrheit der Wissenschaftler als anthropogen erkannt, wird der Zusammenhang von wirtschaftstreuen Gutachtern weiterhin vehement geleugnet.

Diese mehr als bedenkliche Situation wird nun aber von einer weit bürgernäheren Entwicklung ins politische Abseits gedrängt: Die relativ zum BIP überproportional explodierten Aktiva, und der ebenso aufgeblähte Anteil der Staatsschulden daran, würgen die Entwicklung des BIP ab. Zuerst müssen, trotz der ins wahnwitzige steigenden Gewinne und Boni der Unternehmen, die Arbeitnehmer mit Lohnzugeständnissen, Steuer- und Abgabenerhöhungen bei sinkenden staatlichen Leistungen, und letztlich mit Realeinkommensverlusten kämpfen. Schließlich kommt Ende 2008, trotz der unglaublichen Geldmengen auf den Banken, die Kreditvergabe zum Erliegen. Natürlich nicht wegen zu wenig Kapital, sondern wegen fehlender Renditen. Denn das BIP, jetzt auch weltweit, ist nicht mehr in der Lage den Kapitalien den weiteren Zuwachs zu ermöglichen.


Szenario D: Ab 2009 beginnen die maßgebenden Volkswirtschaften mit finanzpolitischen Aktionen, um den Kreditfluss, und damit das jahrzehntelang kreditgesteuerte BIP, wieder in Gang zu setzen. Ursachen und Wirkungen werden durch kreditwirtschaftsnahe hohe Berater verzerrt dargestellt und damit den Politikern Problemlösung vorgeschlagen, deren Ziel allein der Erhalt der irrwitzigen Vermögen zu Lasten der Mehrheit der für das BIP Schaffenden, einschließlich der Unternehmen der Realwirtschaft, ist.

Das kann aber auf Dauer nicht gut gehen, und, es ist auch in der Geschichte der Menschheit noch nie gut gegangen. Denn eine solche Entwicklung der Volkswirtschaften kommt in schöner Naturgesetzlichkeit immer wieder vor und endet auch immer wieder tragisch für die betroffenen Gemeinwesen.

Die Lösung des weltweiten Währungsproblem liegt nun halt einmal alleine in der Neujustierung eines gesunden BIP/Aktiva-Verhältnisses. Sei es nun durch eine unkontrollierte Inflation oder durch eine kontrollierte unparitätische Währungsreform. Dieses jedoch ohne Krieg und Revolution hinzubiegen, das ist das aktuelle und nahezu unlösbare Problem der Politik. Denn dazu müssten diese erst einmal realisieren, wo das Problem liegt und wie man es beheben kann. Und dann noch müssten sie die Kraft aufbringen, diese unpopulären Maßnahmen statt gegen die Interessen der Wirtschaftenden gegen die Interessen der Besitzer der größten Vermögen durchzusetzen.

Ansonsten werden sich die dunklen Wolken über unseren westlichen Demokratien weiter zu ziehen.

Traurigerweise ist es gerade in Demokratien für die Regierenden praktisch unmöglich, das notwendige betonharte Rückgrat aufzubringen. Denn die Wahlen in Landes- und Bundesparlamenten, die im Jahrestakt einschlagen, machen selbst das Durchsetzen moderater Reformen gegen wesentliche Lobbyverbände zum regelmäßig aussichtslosen Spießrutenlaufen, mit garantiertem Karriereknick für den Verantwortlichen. Deswegen hält sich mein Glauben an ein moderates Ende des Dilemmas in engen Grenzen. Die nächsten Jahre werden also in einem weiterhin riskanten Umfeld verlaufen: Zwischen zeitweiligen Miniaufschwüngen wird die Gesamtsituation bestenfalls auf miserablen Niveau stabilisieren, wahrscheinlich jedoch blüht uns jetzt noch Ungeahntes.

Um noch einmal auf die in den Hintergrund gedrängte Klimakatastrophe zu kommen: Diese hängt natürlich ursächlich mit der Finanzkrise zusammen. Denn alle Volkswirtschaften produzieren Wohlstand aus der Umwelt und geben Emissionen aller Art dafür ab. Innerhalb der Ökonomien ist es zwar strittig, wer im Einzelfall für Kosten aufkommen, und wer den Gewinn kassieren soll. Der Letzte der zahlt, ist aber immer die Umwelt. Zwar lassen verbesserte Umwelttechniken auf weniger Umweltbelastung pro Wohlstandseinheit hoffen, aber am Grundsatz ändert das nichts.

Kommentare:

  1. Die Währungsreform wird schon noch kommen. Aber wohl erst, nachdem wieder die Welt in Trümmern liegt. Die Vermögenden gehen entspannt durch die Krise und anschließende Währungsreform, weil sie ihr Geld in Sachwerte angelegt haben.

    Überhaupt finde ich es ein Unding, dass jemand nicht nur Geld sondern auch Land akkumulieren kann. Aus diesem Grund finde ich die Gedanken Gesells ansprechend, der meinte, Land solle grundsätzlich Staatseigentum sein und nur auf Erbpachtbasis an jene vergeben werden, die es auch nutzen.

    Uwe

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  2. Hallo Uwe,

    dass sehe ich grundsätzlich auch so. Gerade auch die Landfrage. Denn diese Akkumulation kann noch verheerender sein. So waren am Ende des römischen Reiches die typischen Landgüter von der Grösse des Saarlandes. Bewirtschaftet von Sklaven, die Landbevölkerung auf der Flucht in Städte, um etwa in Rom von den Getreidespenden zu leben. Das war immer noch lukerativer als das Leben auf der verlorenen Scholle.

    Da half dann auch keine Vermögensreform mehr.

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