Montag, 11. Januar 2010

Welt am Scheideweg

"...Wahnsinn war für Albert Einstein die Dummheit, immer das Gleiche zu tun, aber andere Ergebnisse zu erwarten. Das gilt auch für den Glaubenssatz »Wachstum, Wachstum über alles«. Ost und West, Nord und Süd sind sich einig wie feindliche Zwillinge, dass dies der Garant für Wohlstand und Beschäftigung ist. Sinkt das Wachstum, verfallen ganze Nationen in kollektive Depression...." schreibt jüngst die ZEIT: "...Studien von William Clark belegen, dass in den vergangenen 40 Jahren die Natur weit stärker geschädigt wurde als in den 500 Jahren zuvor. In der Prognose der Internationalen Energieagentur steigt der Energieverbrauch bis zum Jahr 2020 um weitere 60 Prozent an, überwiegend aus fossilen Quellen. Allein in den vergangenen acht Jahren erhöhte sich die Konzentration des klimaschädlichen Kohlendioxids um 30 Prozent."

Wirtschaftlicher Wohlstand und Klimaerwärmung sind eng korreliert ([1],[2]). Eindrücklich lässt dies auch ein simpler Vergleich zwischen der Klimaerwärmung und dem Verlauf des BIP bzw. Vermögensentwicklung der, für die Welt beispielhaften, BRD erahnen. Denn Wohlstand entsteht aus dem Verbrauch von Rohstoffen und deren, immer Energieverbrauch behafteten, Verarbeitung zu höherwertigen Produkten. Dies ist gänzlich unvermeidlich. Selbst wenn bessere Umwelttechniken einen etwas besseren spezifischen Energieverbrauch pro Wohlstandseinheit ermöglichen, es macht den Bock leider nicht fett. Es bleibt letzendlich eine Marginalie.

Macht ist Geld, Geld ist Wohlstand, Wohlstand ist Rohstoff- und Energieverbrauch. Nicht von ungefähr sind damit Kriege und kriegsähnliche Zustände korreliert: "....Um das knapper werdende Öl wird seit mehr als 20 Jahren Krieg geführt. Viele Konflikte in Afrika sind nur vor dem Hintergrund des ökologischen Kolonialismus zu verstehen, mit dem sich China, die USA, Russland oder auch EU-Staaten den Zugriff auf Rohstoffe sichern wollen. Seit 1992 gehört das zum Aufgabenkatalog der Nato." schreibt die ZEIT weiter. Diesem fatalen Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Wohlstand, Klimawandel und Kriegen ist schwer zu entgehen: "....Ohne grundlegende Wirtschaftsreformen wird sich nichts ändern. Die Klimakrise wie die Finanzkrise sind zwei Seiten des Wirtschaftskriegs mit der Zukunft, getrieben von der Finanzgier des Kapitalmarkts und der Ausplünderung der natürlichen Lebensgrundlagen. Dieser Krieg kann nicht mit denselben Methoden beendet werden, mit denen er immer noch geführt wird. Vielmehr müssen wir die Ursachen, Triebkräfte und Interessen dahinter verstehen. Dann erst ändert sich etwas.....Es geht um Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit. Ohne eine im wahren Sinne des Wortes nachhaltige Kultur, die Genügsamkeit und Selbstbeschränkung kennt, sind diese Werte nicht zu verteidigen oder zu erreichen."

In einer Welt des wirtschaftlichen Niedergangs steigt die Bereitschaft zur Fluchtnach vorne. Heute führt der Focus ins Feld: "...Die USA schließen einen Angriff auf den Iran nicht mehr aus. Nach Worten des für die Region zuständigen Generals Patraeus haben die US-Streitkräfte „Notfallpläne“ für mögliche Militärschläge gegen iranische Atomanlagen ausgearbeitet...Mit Blick auf stark gesicherte und teilweise unterirdische iranische Atomanlagen meinte der General: „Natürlich können sie bombardiert werden.“". Zumal der Iran zur Zeit ein schwaches Bild abgibt, Im SPIEGEL-Interview warnte Said Montaseri kürzlich "...vor dem Untergang des Gottesstaates. Sollte etwa der iranische Oppositionsführer Mussawi getötet werden, hätte das "katastrophale Folgen"." Der schon lange in der Luft liegende Schlag gegen das Mullahregime ist auch für den Friedensnobelpreisträger Obama zu verführerisch. Aber die Folgen sind eine Destabilisierung der notorischen Unruhegegend des Nahen Ostens; der anstehende Schlag des Westens gegen den islamischen Staat wird nicht nur den Iran ins Schwimmen bringen. Die westlichen Verbündeten und Regionalmächte Saudi Arabien und Israel geraten dadurch ebenfalls mittelfristig in eine kritische Situation.

Zwar ist ein Atomstaat und Regionalmacht Iran nicht wirklich prikelnd für uns, aber man wird wohl hier den Teufel mit Beelzebub austreiben. Zunächst wird es zu großer Empörung gegen den Westen und gegen Israel im arabischen Raum kommen. Mit dem unaufhaltsamen Niedergang des US-Dollars folgt danach, über kurz oder lang, Saudi Arabien durch riesige Abschreibungsverluste in den Strudel politischer Umwälzungen. Welche Regime dann in Iran und Saudi-Arabien residieren bleibt ungewiss, dass sie uns jedoch nicht sonderlich freundlich gestimmt sein werden ist um so gewisser. Mit dem Kollaps von Dollar und Euro wiederum verfällt auch die Fähigkeit der Nato für Israel in einer eventuellen Neuauflage eines isarelisch-arabischen Konflikts einzugreifen. Letztlich bringt man das was man schützen will, nämlich einerseits die Ölvorräte, andererseits die westliche Enklave Israel, auf die Abschußrampe. Denn die Kriegsregionen Irak und Afghanistan, aber auch die weiteren islamischen Regionalmächte Ägypten und vorallem Pakistan sind nicht auf ewig für den Westen aboniert. Da kann es schnell eng werden.

So schreibt die WELT heute: "....Die wirtschaftliche und politische Lage ist schlimmer als die meisten annehmen. Die große Aufgabe der Bundesregierung besteht darin, die Wirtschaft zu retten. ..... Es ist eine sehr enge Verbindung mit der Finanzwirtschaft eingegangen und hat letztendlich deren Sichtweise auf das Wirtschaftsgeschehen übernommen. Mit diesem Schritt verlor die Politik über die Jahre hinweg nicht nur den Blick auf die ökonomische Realität, sondern tatsächlich auch ihre Macht. Das zeigt sich besonders jetzt in der Krise, denn sie hat praktisch keinen Einfluss mehr auf die realwirtschaftlichen Entwicklungen und verliert zunehmend das Vertrauen der Gesellschaft....Dagegen stellt das, was der Finanzwirtschaft flankiert von der Wirtschaftswissenschaft gelungen ist, alles Vorstellbare in den Schatten. Sie haben es tatsächlich geschafft, in der öffentlichen Wahrnehmung wesentliche Teile des gesamten Wirtschaftsgeschehens vollständig auszublenden und ausgerechnet ein „Spielcasino“ als zentrales Organ der Wirtschaft zu etablieren. ... Es fand im wahrsten Sinn des Wortes der Zug der Lemminge statt."

Und die Politik steht dem Desaster, das gerade erst beginnt, hilflos gegenüber: "...Für die Politik ist die Situation ein Desaster. Viele Akteure der Finanzwirtschaft haben sich als skrupellose Zocker entpuppt und die Wirtschaftswissenschaft hat dieses Treiben mit realitätsfremden Theorien legitimiert. ...Alle Fixpunkte, die früher der sicheren Orientierung dienten, stellen sich inzwischen als Trugbilder heraus. Da der Politik ökonomische Kompetenz fehlt, steht sie jetzt vollkommen orientierungslos der wirtschaftlichen Realität gegenüber: Die Finanzwirtschaft ist wieder in ihre alten Verhaltensmuster zurückgefallen und produziert mit noch mehr Liquidität bereits die nächste Krise. Die Wirtschaftswissenschaft befindet sich in einer Selbstfindungsphase, deren Ende nicht abzusehen ist und es darf bezweifelt werden, ob dabei für die Gesellschaft überhaupt etwas Brauchbares herauskommt. Währenddessen setzen sich in der Realwirtschaft die Erosionsprozesse ungehindert fort. Die Lage wird immer unübersichtlicher, die Meinungsäußerungen aus der Politik werden immer chaotischer, weit und breit ist kein vernünftiger Lösungsansatz zu sehen, und es regiert nur noch das Prinzip Hoffnung."

Das Jahr 2010 beginnt spannend zu werden. Fragt sich allerdings, ob wir diesen Krimi wirklich bestellt haben.

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