Mittwoch, 5. Mai 2010

Futurologie: Der Blick zurück nach Vorne

Zeit hat etwas unheimliches. Letztlich ist sie eine hartnäckige Illusion, wie es Albert Einstein ausdrückte. Im Grunde genommen ist sie ein statistischer Artefakt der Welt, die zwei Richtungen von Wahrscheinlichkeiten unterscheidet. Die Vergangenheit ist die Richtung der etwas sichereren Vorhersage, die Zukunft die der Unsichereren.

Während sich die Finanzwelt gerade die nächste, vielleicht schon letzte Klippe, hinunterstürzt, ist es wieder an der Zeit über die Zukunft zu orakeln. Leider sind diese Vorhersagen keineswegs so schwierig wie es scheint. Denn die Muster von Finanz- und Wirtschaftskrisen, der folgenden Umverteilung der Machtbalance, und in der Folge damit ausufernder Kriegzustand, sind seit Jahrhunderten immer die gleichen.

Die Ingredienzien der Weltkriege sind immer der Bankrott der alten Mächte, und im Kielwasser des Untergangs des Einen, der Aufstieg Anderer, neuer Mächte oder wenigstens neuer Machtbalancen. Als zusätzliches Gift mit sicherer Wirkung sind gleichzeitige religiös- bzw. weltanschauliche und ideologische Differenzen von gravierender Bedeutung.

Diese Muster lassen sich zwanglos bis in die Antike nachweisen, und sie sind zur Zeit, in früher kaum gekannten Ausmaß weltweiter Bedeutung, erneut vorhanden. Schauen wir zunächst einmal in die Geschichte, aber um es kurz zu machen beginnen wir mit den großen (westlichen) Auseinandersetzungen der jüngeren Neuzeit.


Dazu gehen wir nach Paris, zurück in die schwüle Sommernacht des 23. auf den 24. August 1572. In dieser Nacht werden etwa 3000 Protestanten auf Befehl der katholischen Obrigkeit, in Persona der damals in Frankreich herrschenden Medici-Fürstin, auf offener Straße regelrecht geschlachtet.

Voraus gegangen war der Tod Heinrichs II. im Jahre 1559 und die Regentschaft des erst zehnjährigen Karl IX. Die steigende Rivalität der Obrigkeit und die neue Religion des Protestantismus führte dazu, das man sich neben politischen Streitfragen auch mit religiösen beschäftigen musste, und der Kampf um die Macht am Hofe schwächten den Staat, der nun auch noch Gefahr lief, bankrott zu gehen.

Gelegenheit also für das katholische Weltreich Spaniens, in die Politik Frankreichs einzugreifen. Die Hochzeit Elisabeths von Valois mit dem spanischen König Philipp II. 1559 sollte die „Freundschaft“ zwischen Frankreich und Spanien besiegeln, und Druck hinsichtlich der französischen Politik und des Umgangs mit der neuen Religion auszuüben. 1570 befand sich Frankreich am Scheideweg: Würde der Kampf gegen die Protestanten (Hugenotten) fortgesetzt, so versänke das Land weiter im Bürgerkrieg und die schon längst aufgebrauchten finanziellen Mittel hätte man durch Hilfe von Außen aufbringen müssen, womit Frankreich in eine ausländische Abhängigkeit gekommen wäre.

Daher entschied sich die Regentin Katharina für das kleinere Übel, und schloss am 8. August 1570 einen Frieden, der den Hugenotten in ihrer Forderungen entgegenkam. Paris und der Hof blieben katholisch und der König übernahm den rückständigen Sold der von den Protestanten angeworbenen Truppen. Jedoch führte allein der Bankrott des Staates zum Friedensabschluss: Der Geldmangel im französischen Heer löste Unzufriedenheit und Ungehorsam aus. Im Ergebnis waren die Hugenotten nun keine Minderheit mehr in dem katholischen Land. Das Machtspiel ging jedoch weiter und gipfelte zunächst in obiger Bartholomäusnacht von 1572.

Mit der Thronbesteigung Heinrich IV. begann die Epoche der zukünftigen Französischen Vorherrschaft und die Durchsetzung der absolutistisch-zentralistischen Staatsform. Heinrich installierte eine zentral gelenkte abhängige Bürokratie und schlug eine aggressive Außenpolitik gegenüber Spanien ein.

Bei der führenden Weltmacht Spanien sah es in der Staatsschatulle allerdings auch nicht besser aus. Die permanenten Kriege zehrten die reichen Einkünfte der Kolonien auf und zwangen den König, sich immer neue Einnahmequellen zu erschließen. Sämtliches Eigentum (außer dem der Kirche) und jedes Gewerbe wurde mit erdrückenden Steuern belegt, Kredite aller Art aufgenommen, aber nicht bedient, die Münze verschlechtert, Ehren und Ämter käuflich gemacht und schließlich den Einwohnern so genannte Donativen (Zwangsanleihen) abgefordert. Philipp II. war während seiner Regierungszeit dreimal gezwungen, seinen Gläubigern den Staatsbankrott zu erklären. In den Jahren 1557, 1575 und 1596 konnten keine Zahlungen mehr geleistet werden.

In diesem unheiligen Gebräu stand nun östlich des Rheins das Heilige Römische Reich deutscher Nation, das Sacrum Romanum Imperium. Auch die deutschen Fürsten hatten Probleme bis zum Abwinken, selbst redend auch finanziell, aber insbesondere der ebenfalls religiös beeinflusste Zerfall der Macht des Kaisers. Dieser sah sich katholischen und protestantischen Fürstenbünden gegenüber, die seine Macht und Pfründe faktisch erodiert hatten und nun feindlich gegenüber standen. Die anderen deutschsprachigen Lokalmächte Niederlande und Österreich, sowie die skandinavischen Mächte Dänemark und Schweden saßen ebenfalls, mit ähnlichen Problemen und Aussichten, wie die Frösche um den Teich.

1523 wurde Gustav I. Wasa zum König gewählt. Nach einem Volksaufstand litt das schwedische Reich unter hohen Schulden und König Wasa sah sich nach Möglichkeiten zur Verbesserung der finanziellen Lage um. Die Opposition des Luthertums zu den reichen katholischen Klöstern gab Gelegenheit die finanzielle Situation zu verbessern. 1544 wurde Schweden daher zum evangelischen Reich erklärt und somit staats- und machtpolitischer Gegenspieler des Katholizismus.

Es kam daher, wie es kommen musste: Im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 wurde der Konflikt um die neue Machtverteilung Europas ausgetragen.

Gemeinsam mit ihren jeweiligen Verbündeten im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation trugen die habsburgischen Mächte Österreich und Spanien ihre dynastischen Interessenkonflikte mit Frankreich, den Niederlanden, Dänemark und Schweden aus. 1635 griff Frankreich aktiv in den Dreißigjährigen Krieg ein und geriet damit automatisch in Konflikt mit Spanien.

Im Westfälischen Frieden von 1648 erreichte Frankreich eine dauerhafte Schwächung des Heiligen Römischen Reiches und stieg nun mehr zur vorherrschenden Macht der alten Welt auf. Im Endeffekt war Deutschland total zersplittert, bankrott und entvölkert. Wovon es sich im Prinzip bis heute nicht ganz erholt hat.



Trotzdem fand zu Beginn des nächsten Jahrhunderts schon wieder ein Weltkrieg statt: Von 1701-1714 tobte der Spanische Erbfolgekrieg.

Neben dem üblichen Streit um Geld und Pfründe, drohte erneute eine monarchische Heiratspolitik die Machtbalance, die zu einer Konfrontation zwischen England und Frankreich führte, in dessen Zentrum habsburgische Ansprüche auf den spanischen Thron standen.

Gewinner des quais-Ersten-Weltkrieges war Großbritannien. Es gelang Königin Anne, die Kronen von England und Schottland zu vereinen. Wirtschaftlich gelang es, die eigene Seemacht zu festigen und die zunehmende Vorrangstellung im Welthandel konnte durch günstige Abschlüsse mit Spanien und Portugal ausgebaut werden. Insbesondere der Gewinn von Gibraltar in 1704 war in seiner strategischen Bedeutung für die nächsten Kriege, ebenso wie der Gewinn von Menorca und einiger Gebiete in Nordamerika, maßgeblich für den Aufstieg zum Britischen Weltreiches.

Frankreich behielt zwar weitgehend seine Stellung, jedoch waren die Finanzen durch den Krieg mächtig belastet und waren trotz vieler Anstrengungen langfristig nicht wieder völlig in Ordnung zu bringen. So ernannte man den schottischen Nationalökonomen John Law zum Generalkontrolleur der Finanzen, wodurch zeitweilig eine Erholung zu verzeichnen war. Bis in die 1730er Jahre hinein setzte sogar eine regelrechte Wirtschaftsblüte ein. Dennoch blieb Frankreich aufgrund seiner merkantilistischen Politik und seiner Überseebesitzungen und seiner hohen Bevölkerungszahl zunächst die größte und wohlhabendste Volkswirtschaft Europas.



Jedoch konnte der Spanische Erbfolgekrieg die Machtbalance in Europa nicht endgültig austarieren. Es folgten daher noch der Österreichische Erbfolgekrieg (1740–1748) und der Siebenjährige Krieg (1756–1763). Alles bereits Weltkriege die auf mehreren Kontinenten gefochten wurden, incl. des Spanischen (1701-1714) verbrachte man, genauso wie im vorangegangenen Jahrhundert (1618-1648) exakt 31 Jahre im Weltenbrand!

Die ganzen Verwerfungen, insbesondere gerade auch die damit verbundene finanzielle Ausplünderung der Bevölkerung durch Steuern bis zum förmlichen Erbrechen, gipfelten dann im Volksaufstand gegen die Plage der Ausbeutergemeinde der Monarchen, Fürsten und Kleriker: Der französischen Revolution. Unmittelbarer Auslöser dieser war, wer ahnt es, die Erklärung der Staatspleite der Franzosen durch den diensthabenden Finanzminister.

Nach dem die Machtfrage zwischen den Vertretern des Absolutismus und der Straße zu Ungunsten der rollenden Köpfe des Königs und seiner Anhänger geklärt war, stellte sich die gleiche Machtfrage in ganz Europa: Monarchie oder Republik, Pfründe oder Teilhabe der Massen?

Es folgten zwangsläufig die Napoleonischen Kriege von 1804–1812. Auch sie waren wieder ein Weltkrieg auf allen Kontinenten.

Ein Profituer war dabei, nun sie ahnen es, die übernächste Großmacht, die USA. Da Napoleon pleite war, benötigte er Geld. Er bekam es, indem er der verduzzten amerikanischen Gesandtschaft, die eigentlich Frankreich die Gegend von Louisana per Kolonialkrieg entreißen wollten, die riesigen fränzösischen Landstriche dort für ein paar Millionen Dollar kurzer Hand verscherbelte.



Mit den Napoleonischen Kriegen ging auch das fast 1000-jährige Reich, von dessen Restauration wenig später ein gescheiterter österreichischer Kunstmaler träumen sollte, unter. Das Heilige Römische Reich, das im Prinzip von 843 bis 1806 währte, war Geschichte. Und damit konnte sich ein Nation formen, die man bald Deutschland nennen würde.

Denn Napoleon hatte die alte Ordnung gestürzt und nun begann sich auch in Deutschland der Gedanke von Egalite und Liberte, von Einheit und Freiheit, ja von Einigkeit, und Recht und Freiheit, auszubreiten. Der erste Versuch scheiterte 1848/49, erst der zweite Versuch gelang. Dem voraus ging allerdings ein Präventivkrieg der Franzosen. Nichts erschien Frankreich gefährlicher als ein vereinigtes, wirtschaftlich und militärisch starkes Deutschland, und so rückte man 1870 gegen Deutschland vor.

Der Französisch-Deutsche-Krieg geriet für Frankreich jedoch zum absoluten Desaster. Er wurde zum Gründungspfeiler des Deutschen Reichs und zur Wurzel des französischen Revanchismus gegen Deutschland. Die auf deutscher Seite als „Erbfeindschaft“ titulierte, seit dem Ende des römischen Reiches existierende Rivalität zwischen West- und Ostfranken, wurde nunmehr zur verheerenden Wurzel des nächsten Weltenbrandes.

Das Deutsche Reich begann ab 1871 zu florieren. Die Wirtschaft boomte, nie war eine, goldgedeckte, Währung stabiler als die des Reiches bis 1914. Taler, Taler du musst wandern, von der einen Hand zur Anderen. Während die Wirtschafts- und damit auch Militärmacht des europäischen Zentrums rapide wuchs, befanden sich die bisherigen Großmächte, wie Frankreich, Russland und besonders die gewaltige britische Weltmacht, auf dem absteigenden Ast.

Vor allem die Briten spürten schmerzhaft die erwachende deutsche Wirtschaftsmacht. Der Begriff „Made in Germany“ wurde von diesen geprägt. Gedacht war diese Aufschrift auf den Importprodukten mit der Absicht, britische Bürger vom Kauf dieser Konkurrenzprodukte abzuhalten. Der Schuss ging jedoch schnell nach hinten los, denn der britische Bürger merkte schnell, dass die Werkzeuge aus Deutschland nicht nur billiger, sondern auch besser waren. „Made in Germany“ wurde zum anerkannten Qualitätsbegriff, der bis heute nachwirkt. Der Britische Einstieg in die Phase des Imperialismus, der mit dem Kauf der Suez-Kanal-Aktien 1875 begann, begründet sich im drohenden Verlust der wirtschaftlichen Weltmachtstellung. Während der 1890er wurde der neue Imperialismus zur Leitidee der britischen Politik. Großbritannien übernahm bald darauf die Vorreiterrolle in der Aufteilung Afrikas.

Die wirtschaftliche Unterhöhlung der europäischen Großmächte schrie schon bald nach einem weiteren Präventivkrieg. Schon Nietsche erkannte die Gefahr in 1871: „Von allen schlimmen Folgen aber, die der letzte mit Frankreich geführte Krieg hinter sich drein zieht, ist vielleicht die schlimmste ein weitverbreiteter, ja allgemeiner Irrthum: der Irrthum der öffentlichen Meinung und aller öffentlich Meinenden, dass auch die deutsche Kultur in jenem Kampfe gesiegt habe und deshalb jetzt mit den Kränzen geschmückt werden müsse, die so ausserordentlichen Begebnissen und Erfolgen gemäss seien. Dieser Wahn ist höchst verderblich: nicht etwa weil er ein Wahn ist – denn es giebt die heilsamsten und segensreichsten Irrthümer – sondern weil er im Stande ist, unseren Sieg in eine völlige Niederlage zu verwandeln: in die Niederlage, ja Exstirpation des deutschen Geistes zugunsten des ‚deutschen Reiches‘.“ Er nannte seine weitsichtigen Überlegungen übrigens recht passend: „Unzeitgemäße Betrachtungen“, die ab 1873 veröffentlicht wurden.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts spitzten sich die Rivalitäten zu nehmend zu, ein Krieg lag förmlich in der Luft. Mit einem Netz von Bündnisverpflichtungen wollten sich allierte Groß-, Mittel- und Kleinmächte gegenseitig schützen. Wie es Nietsche schon geahnt hatte, war es dann natürlich das seine Möglichkeiten überschätzende Deutsche Reich, dass in 1914 unvorsichtigerweise die Kettenreaktion der gegenseitigen Bündnisverpflichtungen in Gang setzte, anstatt dies den Anderen Geiern zu überlassen.

Es begann der Weltenbrand von 1914 – 1945. Wieder 31 Jahre Krieg, denn das gesamte Geschehen gehört im Zusammenhang gesehen.

Nach dem Deutschland für die dümmliche Übernahme der Kriegsverantwortung im nachfolgenden die Zeche aufs Auge gedrückt bekam, war es blitzeblank Pleite. Verantwortlich war dafür besonders die revanchistische Politik Frankreichs. Während besonders die Briten keine Alleinschuld bei den Deutschen sehen konnten und einen gerechten Friedensvertrag anstrebten, sorgte Frankreich für einen kurzfristigen Revanchefrieden. In der Zeit von 1918 bis zum Angriff auf Polen 1939 war es zudem keineswegs ruhig. 1917 bereits begann die Revolution im Zarenreich, mit einem Bürgerkrieg bis 1922. Es folgten weitere Brände, wie der polnisch-russische Krieg und etliche andere, so auch der spanische Bürgerkrieg, mit bereits wieder deutscher Beteiligung, von 1936-1939.



Der zweite Weltkrieg war nun u.a. dadurch bedingt, dass, während die Staatsfinanzen völlig ruiniert waren, Bürgerkriege in Deutschland den politischen Aufstieg eines Weltkriegsveteranen und leidlich talentierten Rhetorikers aus dem österreichischen Braunau beförderte. Die fällige Währungsreform von 1924 brachte zunächst einen wunderbaren Aufschwung, es folgten die „goldenen Zwanziger“. Die wurden erst durch etwas beendet, wofür die Deutschen wirklich nichts konnten: 1929 brachen in den USA die, durch Überschuldung finanzierte, Aktienblase ein. Amerikanische Anleger hatten in den goldenen 20er viel Geld in das florierende deutsche Wirtschaftswunder gesteckt. Da sie nun klamm waren, zogen sie die eigentlich hervorragenden Assets in Deutschland ab, um damit ihre lausig Schlechten in den USA aus gleichen zu können.

Das damit, und dem erneuten Zusammenbruch der Wirtschaft nach nur 6 Jahren, wiederum jüdische Bankhäuser in Verbindung gebracht werden konnten, war nun Wasser auf die Mühlen des Weltkriegsrevanchisten und pathologischen Judenhassers Hitler. Der Weg für die zweite, und noch viel schlimmere Phase der Auseinandersetzung der Weltmächte bis 1945 war geschaffen.

Die 65 Jahre seitdem sind geprägt durch die neue Weltmacht USA. Während die durch Kriegsschulden ruinierte Weltmacht der Briten der Vergangenheit angehört. Ausgerechnet das völlig zerstörte, aber Währungsreformierte Deutschland, zog an den Briten vorbei zur zeitweiligen Nummer 2 in der Weltrangliste der Wirtschaftsmächte, und auch heute noch, weit vor den Briten, zur absoluten Oberliga gehörend.

Im Jahre 2010 nun haben wir aber wieder genau dieses Gebräu eines weiteren Jahrhundertkrieges vor uns liegen. Die alten Weltmächte sind faktisch Pleite. Insbesondere die USA und Japan mit ihren irrwitzigen Defiziten, und auch die europäische Führungsmacht der BRD dümpelt mit ihren EURO-Partner in den unausweichlichen Bankrott, angeführt durch die PIIGS-Staaten des Südens mit den Griechen als erstes, aber nicht letztes Opfer. Die Macht geht an die Gläubiger und an die Schwellenländer, die so genannten BRIC-Länder (vor allem Brasilien, Russland, Indien, China) über, angeführt von der absehbar neuen Weltmacht China.

Die Machtbalance ist bereits verschoben, die externe sowieso, und nun stehen auch die internen Balancen zwischen Reich und Arm auf der Kippe. Während ich dies schreibe, werden bereits die ersten Toten bei den fälligen Protesten der griechischen Bürger gegen das Diktat der „Oberen Zehntausend“ gemeldet: Mehrere Personen verbrannten in einer angezündeten Bank in Athen.

Es ist zu befürchten, dass dies nicht die letzten Opfer sein werden. Denn wenn die Krise weiter durchgreift fliegen in ganz Europa die Steine. Und wenn der Dollar brennt, denn fliegen im bis an die Zähne bewaffneten Amerika auch Kugeln. Ein übriges werden die dann international geprellten Schwellenländer tun, so China das sich für verlorene 2,4 Billionen USD angemessen revanchieren wird. Dito die anderen Gläubiger, zu denen auch die Ölländer gehören, die „reichsten“ dabei aus der arabischen und islamischen Welt.


Die Gemengelage im Vorfeld des nächsten Weltkrieges ist also angerührt. Genau genommen befinden wir uns bereits in den typischen Vorgefechten.
Der weltanschauliche Konflikt ist bereits 2001 mit dem Angriff auf New York in die heiße Phase eingetreten, und die, für den Westen langfristig aussichtslosen, Geplänkel in Afghanistan und Irak dauern schon länger als der zweite Weltkrieg.

Aber die Fronten werden mit einiger Wahrscheinlichkeit noch viel gewaltigere Ausmaße annehmen. Denn neben der historisch hochgefährlichen Situation kommt eine, in der letzten Zeit durch die Finanzkrise verdrängte, Wahrheit: Aufgrund der unglaublichen Bevölkerungsexplosion der letzten 200 Jahre ist die Erde inzwischen zum Bersten voll und nahe an den Grenzen ihrer Aufnahme- und Leistungsfähigkeit angelangt. Die preisgünstig verfügbaren Ressourcen gehen zur Neige und die Umweltbelastung nimmt bedenkliche Züge an. Obendrein steigt die Anzahl der Atomwaffenfähigen Nationalstaaten stetig. So wie bislang noch jeder Weltkrieg den vorherigen in den Schatten stellte, so ist es auch beim nächsten zu befürchten.

Zum Abschluss eine vielleicht etwas esoterisch klingende Verbindung zwischen Finanzen und globalen Kriegen. So ist bemerkenswert, dass etwa alle 800 Jahre größere Verhängnisse zwischen den benachbarten und durch eine gewaltige Landbrücke verbundenen Kontinenten Europa und Asien stattfinden. So kamen die Perser (Landbrücke bis Indien) um 400 v.Chr. bis an die Donau, der Hunnensturm (Attila ca. 400-453) aus Zentralasien brachte um 400 Sturm über Europa, Dschingis Khan (ca. 1160 – 1227) rückte aus der Mongolei um 1200 vor. Weitere acht hundert Jahre, also um 2000, schickt sich wiederum die Asiatische Welt unter Führung Chinas an, in Europa, mindestens wirtschaftlich, die Macht zu übernehmen.

Man kann dies als reinen Zufall abtun, vielleicht ist es auch so. Jedoch entspricht die Zahl von um die 800 Jahre durchaus dem Erwartungswert solcher Konflikte. Denn der Zins in Geldwirtschaften ist seit Jahrtausenden im effektiven Rahmen von langfristig gesehen 3 bis 6%. Die Lebensdauern von Kredit getriebenen Volkswirtschaften ist nun, über den Daumen gepeilt Tc=3/pv bei einer typischen Sparquote um die 10%. Mit obigen Werten ergeben sich also kritische Zeiten von 50 bis 100 Jahren, bevor wieder einmal irgendein Fürst oder Landesvater klamm wird und in Stress gerät.

Richtig schlimm wird das aber erst, wenn mehrere lokale Konkurrenten gleichzeitig in diesen Stress geraten. Um ab zu schätzen, wie häufig so etwas vorkommt, können wir einfach die so genannte Schwebungsfrequenz solcher Ereignisse heranziehen. Die Schwebungsperiode Ts von Tc1=50 und Tc2=100 Jahren ist Ts=1/|1/Tc1-1/Tc2|, hier also auch wieder 100 Jahre. Das spiegelt wieder, dass einmal pro Jahrhundert ein großer Konflikt droht.

Wenn wir nun zwei unabhängige Kontinente haben, so sind die praktisch immer mit sich selbst beschäftigt und können wegen den großen Entfernungen nicht so einfach auf einander los gehen. Mit einer Ausnahme, wenn nämlich die zufälligen Entwicklungen in den beiden Regionen so korreliert sind, dass in dem einen die wesentlichen Mächte alle auf Angriff gepolt sind, und in dem Anderen es ehr drunter und drüber geht.

Genehmigen wir also dem, statistisch relativ sicheren Wert von 100 Jahren noch eine Schwankungsbreite von 10 Jahren zu, also zwischen 90 und 110 Jahren, Dann ist der unabhängige Abstand der getrennten Entwicklungen statistisch gesehen 10/sqrt(2)=7 Jahre. Für die Abschätzung der Zeit bis zu einer solchen ungünstigen Korrelation der beiden Regionen können wir nun die Schwebungsfrequenz von 93 und 107 Jahren berechnen, sie beträgt 711 Jahre. Das wiederum ist gerade die beobachtete merkwürdige Größenordnung.


Auch wenn demnach alles in diesem Jahrhundert wieder mit „rechten Dingen“ zugeht
, so bestünde aber jetzt die Möglichkeit mit mutiger Politik dem globalen Scheitern entgegen zu treten. Dazu müsste man „nur“ die internationale Verschuldungskrise auflösen und damit die Zündschnur austreten.

Dazu müssten allerdings alle Beteiligten, Oben und Unten, eine fürchterlich bittere Medizin schlucken: Bescheidenheit.

Kommentare:

  1. Den Ansatz mit der Schwebungsfrequenz finde ich sehr schön, allerdings ist die Rechnung, denke ich, nicht ganz plausibel. Aufgrund der nichtlinearen Abhängigkeit der Schwebungsfrequenz von den gewählten Eingangsgrößen führen leichte Änderungen dieser zu erheblichen Änderungen der Schwebungsfrequenz. Wählt man statt 100+/-10 Jahre Werte von 80...120+/-5...20 Jahre, was im Rahmen dieser groben Abschätzung genauso legitime Werte sind, so erhält man Schwebungsfrequenzen von rund 200 bis 1700 Jahren. Somit lässt sich darüber so ziemlich jedes historische Muster modellieren. Diese Kritik soll aber nicht den Ansatz als solchen in Frage stellen, da generell Historiker viel zu beschäftigt mit Details sind und somit jeder Blick auf der Geschichte unterliegende Prozesse ein Gewinn ist.

    Dennoch möchte ich anmerken, das es andere mindestens genauso wichtige zyklische Prozesse gibt (wie etwa die Erosion und Neubildung von Humus, der Grundlage für effizienten Ackerbau und damit erst irgendeine Form von Spezialisierung und Zivilisation und deren Kriege ist), die ebenfalls zur Erklärung historischer Muster in Betracht gezogen werden sollten. Ansätze zur Erklärung historischer Muster, die sehr monokausal sind (monokausales Denken ist auch eine weit verbreitete Historikerkrankheit), sind leider für sich betrachtet meist falsch. Sicher ist es aber zielführend, Überlagerungen von wirtschaftlichen und ökologischen Zyklen (und vielleicht noch anderer?) zu nutzen, um historische Muster zu erklären, ist aber sicher ein guter Ansatz.

    Ökonomen machen oft den Fehler, die reale Welt mit harten physischen Randbedingungen als Teil der Ökonomischen Modelle zu betracheten. Tasächlich ist jedoch die Wirtschaft Teil der realen Welt (http://deedls.blog.de/2013/08/15/endlichkeit-welt-16314014/). Ein schönes Paper zu ökologisch bedingten Zivilisationszyklen im alten Griechenland gibt es hier: http://www.sfu.ca/~ianh/geog315/readings/runnels%5B1995%5D.pdf

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  2. Vielen Dank für den Kommentar und die interessanten Links.

    Ja natürlich, die Schwebungsfrequenz reagiert etwas empfindlich. Sie gibt daher lediglich einen Anhaltspunkt das dieser 800-Jahresrythmus so erklärt werden kann (aber nicht unbedingt muss).

    Mit besten grüßen, Heribert Genreith.

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