Donnerstag, 22. Juli 2010

Das Eiervirus, oder: Die Krise in einfachen Worten


Da kommt also Ihr Nachbar zu Ihnen, und möchte sich drei Eier leihen. Sie kennen ihn gut, also geben Sie ihm die Eier. Ihnen fehlen jetzt zwar die nächsten Tage drei Frühstückseier, aber für den freundlichen Herrn machen Sie das gerne. Der Nachbar wiederum denkt sich, ach wie praktisch, und kommt nun dauernd mit solchen Wünschen. Dann werden Sie irgendwann nicht mehr so freundlich sein, sondern fordern: Ich gebe Ihnen drei Eier, wenn Sie mir nächste Woche vier Eier dafür zurückgeben. Das vierte Ei ist der Lohn dafür, dass ich drei Tage auf mein Frühstücksei verzichten muss.

Nun, wie der Ökonom sagen würde, das vierte Ei ist der Zins dafür, dass sie vorübergehend Konsumverzicht zum Wohle eines Anderen leisten. Daran ist auch erstmal gar nichts auszusetzen, und die Menschen haben das im Prinzip schon immer so gemacht. Bleiben wir also mal bei unseren Eiern. Stellen Sie sich vor, sie sind Bewohner eines Dorfes. Sie tauschen also gegenseitig ihre Produkte, drei Eier für ein Brot, ein Brot für anderthalb Kannen Milch, 144 Brote für eine Ziege etc. pp. Außerdem verleihen Sie schon mal die Produkte ihrer Hühner, also so wie oben beschrieben etwa drei Eier, für die Sie dann aber später vier Eier, also verzinst, zurück bekommen.

Auch daran ist immer noch nichts auszusetzen. Allerdings ist so ein Handel etwas unbequem, so sind die Umrechnung von Eier in Brot und Brot in Ziegen usw. ziemlich kompliziert. Zudem hat nicht jeder Handelspartner dass, was sie wollen, oder er will nicht das haben, was sie geben können. Schlimmer noch, es kann sein das Ihr Handelspartner im Moment gar nichts hat. Er kann Ihnen lediglich glaubhaft versprechen, dass er ihnen irgendwann vier Eier gibt, etwa sobald seine Hühner wieder gesund und glücklich sind. Oder er verspricht Ihnen eine Dienstleistung, etwa Ihre Hütte demnächst wieder mal gründlich zu putzen.

Auch daran gibt es nicht viel zu rütteln, denn Sie handeln ja alle mit Dienstleistungen und Naturalien, die sich zwangsläufig mehr oder weniger schnell verbrauchen, und irgendwo gleichen sich die gegenseitigen Ansprüche im Laufe des Jahres wieder aus. Vor allen Dingen, niemand kann diese Güter horten, denn sie sind alle nur sehr begrenzt haltbar.

Aber halt! Eines der Dinge ist doch sehr haltbar, nämlich das Versprechen. Denn das ist Ehrensache und es verfällt normalerweise nie. Das gilt auch noch nächstes Jahr, wo all die aktuellen Eier und Brote längst verfault sind. Wenn Sie jetzt ein ganz schlauer Dorfbewohner sind, der in der Lage ist weit über den Tellerrand zu blicken, dann werden Sie solche Versprechen sammeln. Sie werden noch nicht einmal auf ihre unmittelbare Einlösung drängen, im Gegenteil.

Wenn ihr Nachbar, der ihre Hütte putzen wollte, nun Rückenschmerzen hat, dann werden sie ihm sagen: Na gut, dann werde erstmal wieder gesund, aber da ich solange warten muss, musst Du dann zweimal meine Hütte putzen. Ist Ihnen da etwas aufgefallen? Sie haben nämlich jetzt Anspruch auf acht Eier statt auf nur drei!

Und ihr Nachbar kann weder seine Eier noch seine Arbeitskraft horten, um Ihnen demnächst auf einen Schlag seine Schuld zu zahlen. Er muss im Gegenteil schon bald seine Arbeitsleistung, oder besser die Legeleistung seiner Hühner steigern, damit er bei gleich bleibendem Lebensstandard zurecht kommt. Oder er muss das Versprechen noch einmal, um den Preis eines neuerlich größeren Versprechens, verlängern. Dann gehören Ihnen schon 16 Eier!

Wenn Sie nun richtig schlau sind, machen sie das mit möglichst vielen Dorfbewohnern und sammeln soviel Versprechen wie möglich. Und damit die vielen Versprechen nicht vergessen werden, schreiben sie die alle auf ein Papier. Was die weniger schlauen Dorfbewohner zunächst gar nicht bemerken ist, dass Ihnen irgendwann der dauerhafte Anspruch auf die komplette Produktion des Dorfes zustehen wird.

Auf der nächsten Dorfversammlung werden Sie sich, von den ob Ihrer Großzügigkeit dankbaren Gemeindemitgliedern, selbstverständlich zum Bürgermeister wählen lassen. Denn längst sind Alle von Ihrem Wohlwollen abhängig geworden. Sie werden natürlich auch nicht so dumm sein, alle Versprechen gleichzeitig einzulösen, sondern immer nur soviel dass sie davon gut leben können, ohne noch ein Huhn hüten zu müssen. Und die restlichen Versprechen wachsen immer weiter, weil sie im Gegensatz zu den Produkten der Gemeinschaft nicht regelmäßig verfallen und die Schuldner ihre Produktion nur begrenzt steigern können.

Die gegenseitigen Versprechen der Dorfbewohner haben allerdings noch einen Nachteil, sie sind zwischen konkreten Personen geschlossen. Sie könnten sie natürlich weiter veräußern, so etwa wenn Sie vom Müller einen Sack Mehl haben wollen, geben sie ihm dafür das Versprechen ihres Nachbarn über vier Eier oder einen Hausputz. Das ist alles noch recht hinderlich, vielleicht will der Müller was ganz anderes als Eier oder eine saubere Bude. Als Bürgermeister sorgen sie daher erst einmal dafür, dass diese Schuldscheine anonymisiert werden, dass heißt Sie rechnen Eier, Brote, Milch, Ziegen, Arbeitsleistung usw. in eine gemeinsame Größe um und schreiben die auf das Papier.

Und als Bürgermeister sorgen Sie auch dafür, dass diese Papiere gesetzliches Zahlungsmittel werden und Sie garantieren mit den Muskel bepackten Dorfbütteln dafür, dass die Verpflichtungen daraus auch streng eingehalten werden.

Nun wird es für Sie Zeit, Nägel mit Köpfen ein zu schlagen. Was sie jetzt noch brauchen sind Banken. Denn was nützt es Ihnen, wenn die schönen Schuldscheine mit den versprochenen Zinsen nur so rum liegen und Sie auf deren Einlösung warten müssen. Die Banken sorgen nun dafür, dass diese Schuldscheine gehandelt werden. Denn der Hühnerzüchter, der um ein neues Huhn zu kaufen sich dieses mühsam von seinen Eierüberschüssen absparen müsste, dem können Sie die Scheine ja auch, gegen ein weiteres Zinsversprechen leihen, damit er sich damit gleich ein paar dutzend neue Hühner beschafft. Von deren frischen Eiern zahlt er nächstes Jahr locker die paar Zinsen.

Und, viel wichtiger, auch die von Anderen Schuldnern versprochenen Zinsen werfen jetzt ihrerseits wieder Zinsen ab. Und jetzt beginnt ihre Dorfwirtschaft so richtig zu brummen. Denn Sie und der Hühnerzüchter verdienen jetzt beide prächtig. Lediglich muss der Eierproduzent jetzt immer mehr Frühstückseierkonsumenten finden, um seine wachsenden Überschüsse zu konsumieren. Im Gegensatz zu Ihrer Schuldvermehrung auf dem Bankkonto hat das aber prinzipielle natürliche Grenzen, aber erstens merkt das lange Zeit noch keiner und Sie schert es sowieso nicht. Denn bis dahin sind sie schon längst unter der Erde.

So funktioniert das ganze erstmal umwerfend gut, denn Alle machen das Beispiel nach, die Produktmengen steigen und die Konsumquote Ihrer immer dicker werdenden Dorfbewohner, die als Hühnerhüter ja auch was abkriegen, steigt ebenfalls. Das einzige was noch viel schneller steigt, sind ihr Vermögen und ihre Popularität. Bald wird man ihnen Denkmäler in dem wachsenden Städtchen aufstellen und sie müssen bereits eine Stadtmauer drum herum ziehen, damit die neidischen Nachbarn ihr ehemals idyllisches Dörfchen nicht plündern.

Das alles kostet Geld, und dafür müssen Sie natürlich Steuern eintreiben und eine Staatsbank gründen. Jetzt schlagen Sie den letzten Nagel ein: Mit der Staatsbank übernehmen sie auch das Geldmonopol, indem sie freundlicherweise den ganzen Kladderadatsch vereinfachen: Statt das jeder seine Schuldscheine persönlich signiert, geben Sie jedes Jahr frisches Geld aus, und zwar immer etwas mehr, als die wachsende Wirtschaftskraft ihres Gemeinwesens eigentlich wert wäre.

Das können Sie machen, da sie das voraussehbare Wachstum des kommenden Jahres bereits „einpreisen“. Das wird man später den Schlagschatz nennen, und den können Sie sich erstmal selbst unter den Nagel reißen. Sollte die Wirtschaftsleistung doch einmal sinken, dann müssten Sie eigentlich Schuldscheine einstampfen, aber wo kämen wir denn da hin.

Die Ununterscheidbarkeit der einzelnen Schuldtitel durch das anonymisierte Geld hat zu dem den allgemein unterschätzten, aber entscheidenden, Vorteil, dass man Geld und Zinsgeld nicht mehr auseinander halten kann. Das bricht dem Zinseszinseffekt seinen ungehobelten Weg: So verdoppelt sich bei nur moderaten 7,2% Zins pro Jahr eine gegebene Summe in nur 10 Jahren, aus z.B. 10.000 Eiern werden dann 20.042. Ohne Zinseszinseffekt wären es dagegen „nur“ 17.200. Aber viel dramatischer ist das auf eine Generation von 35 Jahren gerechnet: Dann werden es schon 113.977 sein, ohne Zinseszinseffekt können Sie Ihren Kindern dagegen nur magere 35.200 Eierversprechen vererben.

Nach 70 Jahren sind es dann schon 1.299.077 statt nur 60.400 Versprechen. Die Dorfbevölkerung müsste dann für Ihre Enkel förmlich Eier „scheißen“, um das noch zu tilgen. Das müssen Sie aber nicht, denn es reicht Ihnen bzw. Ihren Enkeln völlig aus, wenn die nur ihre ganze Arbeitskraft aufbringen, um ihnen wenigstens die jährlich fälligen Zinsen zu überweisen. Aber auch das klappt nicht mehr allzu lange, denn nach einer weiteren Generation sind aus Ihren 10.000 Eiern bereits sagenhafte runde 15 Millionen Eier geworden.

Wenn das ihr Nachbar mit den drei Eiern gewusst hätte, er hätte auf das Frühstück verzichtet. So oder so, die Produktion ihrer Dorfbevölkerung kann mit diesen Steigerungsraten prinzipiell nicht mithalten. Das ist die schlechte Nachricht. Die Gute ist: Bis dahin haben alle Dorfbewohner längst vergessen, warum Sie so reich, und so schrecklich viele der Anderen so arm sind.

Nun, Sie ahnten es schon, so ein Verspechen auf Papier nennt man Geld. Und zwar richtiges FIAT-Money, wie der Ökonom sagt, Geld dessen Deckung alleine auf Schuld und staatlicher Garantie beruht. "This note is legal tender for all debts, public and private" steht daher deutlich auf jedem Dollarschein geschrieben: Diese Note ist legales Zahlungsmittel für alle öffentlichen und privaten Schulden. Inbesondere gilt eine komplette Gleichheit von Schulden auf der Einen, und Guthaben auf der anderen Seite.

Dies war nicht immer so, denn da die Menschen den eventuell hohlen Versprechungen ungern vertrauten, wollte man lieber einen echten Gegenwert sehen, also Kupfer, Silber und Goldmünzen, deren Metallwert der Höhe des Versprechens entsprach. Denn diese Metalle hatten und haben, aufgrund ihrer relativen Seltenheit und technischen Gebrauchsfähigkeit, einen realen Wert.

Solche Metallwährungen haben Vor- und Nachteile. Der Vorteil ist, dass wegen der Seltenheit der Metalle die Geldmenge nicht unbegrenzt wachsen kann. Der Nachteil ist, dass man praktisch neben dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) ein zweites Neben-BIP der Edelmetallwirtschaft braucht. Außerdem taugt solches Geld schlecht zum Bezahlen wertvoller Produkte, etwa eines Hauses.

So war zur Zeit des Augustus eine römische Sesterze eine Unze Kupfer, also rund 30 Gramm schwer. Dafür bekam man zwei Brote. Umgerechnet auf heutige Brot- und Hauspreise wären also gut fünf Tonnen Sesterzen für letzteres fällig. Mit Goldstücken, dem 8,2 Gramm schweren Aureus, wären es immer noch über 16 Kilogramm. Zudem kommt durch die nur begrenzt mögliche Ausdehnung der Edelmetallproduktion eine schnell wachsende Wirtschaft sehr bald in einen Geldmangel bzw. Deflation. Die Römer glichen dass durch immer schlechtere Geldqualität aus. Die schweren Sesterzen, die den Gegenwert von vier Assen hatten, verschwanden. Das römische Ass, von anfänglich rund 9 Gramm Gewicht und etwa 25 mm Durchmesser, wog am Ende des Reiches kaum ein Gramm und war klein wie ein Fingernagel.

Deswegen stieg man irgendwann auch offiziell auf Scheidemünzen und Papiergeld um. Der Wert wurde also zunehmend auf das, hoffentlich glaubwürdige, Versprechen des Staates reduziert, dass der Besitzer der Scheidemünze oder Geldnote auf Verlangen eine bestimmte Menge Gold oder Silber ausbezahlt bekäme.

Letzteres Versprechen warfen die Amerikaner 1971 endgültig über Bord, als von ausländischen Gläubigern tatsächlich große Goldmengen eingefordert wurden, die die USA in der geforderten Höhe gar nicht mehr hatte. Seitdem ist auch der Dollar reines FIAT-Money. Und damit sind der Geldhortung und Vermehrung keine prinzipiellen Grenzen mehr gesetzt, ganz im Gegenteil zum Bruttoinlandsprodukt. Denn letzteres lässt sich weder horten noch unbegrenzt erhöhen.

Und so war es auch immer dieser Effekt der Geldvermehrung, die alle großen Imperien in die Knie zwang. Denn diese prinzipielle Geldvermehrung auf Kosten des BIP hat langfristig verheerende Folgen: Erstens haben am Ende der Entwicklung, aufgrund des Garantieversprechens, nur mehr die Kapitalbesitzer das volle Anrecht auf das gesamte BIP der Schaffenden, und zudem akkumuliert das Vermögen zunehmend in die wenigen, und größten, Hände. Als das römische Reich im vierten Jahrhundert zerbrach, war es immer noch konkurrenzlos reich und mit Abstand technologisch führend, seine Armee die best ausgebildete überhaupt. Nur war keiner mehr da, der den staatlichen Apparat, allem voran das Militär, noch bezahlen konnte.

Denn die Superreichen wollten es nicht, und die römische Bevölkerung konnte es nicht. Die anfängliche Truppenstärke der Legionen von 6000 Mann viel gegen Ende des Reiches auf nur 1000 Mann, wobei die meisten zudem Fremdenlegionäre, meist Germanen, waren. Denn insbesondere die Oberschicht, die traditionell die Offiziere stellte, waren nicht bereit ihre verwöhnten Söhne in den gefährlichen Job ziehen zu lassen, sondern kauften sich von allen Verpflichtungen frei. Die dekadente Oberschicht war so reich, dass man selbst Bill Gates höchstens durch den Dienstboteneingang ins Haus gelassen hätte. Viele Landgüter waren da schon so riesig, dass sie typischer Weise die Größe des Saarlandes hatten, ganz Nordafrika gehörte endlich nur noch sechs Familien.

Auf den Feldern schufteten ausländische Sklaven, die billiger kamen und anspruchslos sein mussten. Schließlich kollabierte das BIP, das Scheidegeld wurde nicht mehr angenommen und machte wieder der alten Naturalwirtschaft Platz. Das Reich war endlich militärisch wehrlos geworden und wurde nun von den "Barbaren" der Völkerwanderung okkupiert.

Die waren eigentlich gekommen, in der Hoffnung sich in einem Land, wo Milch und Honig fließen, laben zu können. Und nicht um es zu zerstören. Da dort aber nichts mehr funktionierte, konnte man es nur noch plündern. Dabei waren die Grundprinzipien der Vermögensakkumulation und deren verheerenden Folgen für das Gemeinwesen schon lange vorher römischen Denkern und auch Politikern aufgefallen.

So schon den Gracchus Brüdern Tiberius und Gaius, die den Untergang des römischen Republik durch eine Vermögensreform abwenden wollten. Tiberius wurde deswegen 131 v.Chr, und sein jüngerer Bruder 10 Jahre später, durch die Nobilität ermordet. Die Kennedy-Brüder lassen grüßen. Das Ergebnis war ein fürchterlicher, mehr als 100-jähriger Bürgerkrieg der erst 27 v.Chr. durch die Kaiserwürde des Augustus in ein neues reformiertes Zeitalter mündete. Um dann nach gut 200 Jahren wieder etwa am selben Punkt anzukommen.

Dieses Schema lässt sich ohne große Mühe durch alle Jahrhunderte weiterverfolgen, das spanische, französische und das britische Imperium, sie alle starben am selben Virus, der historisch meist von scheinbar vordergründigen militärischen Niederlagen übertüncht wird.

Selbst der Untergang des Ostblocks vor 20 Jahren ist weniger auf Freiheitswillen der Bevölkerung denn auf finanzieller Auszehrung durch überbordende Schulden, vor allen Dingen außenwirtschaftlich, zurück zu führen, die durch das eigene schwache BIP nicht mehr aus zu gleichen waren. Und es ist der Virus, dem auch die Supermacht USA in absehbarer Zeit zum Opfer fallen wird.

Das ganze hat nun aber noch ein ökonomisches „Geschmäkle“: Obwohl diese Zusammenhänge, dem Grunde nach, schon lange bekannt sind, werden sie von der Standardökonomie völlig ignoriert. In den üblichen Lehrbüchern der Ökonomie stellt das Kapital immer nur eine externe Größe dar, aus der man halt Kredite zur Investition heranziehen kann. Eine fundamentale Wechselwirkung, am Anfang gewollt und positiv, die aber am Ende der Entwicklungszeit in eine drastisch negative Abwärtsspirale mündet, das wird schlicht negiert. Natürlich gibt es immer wieder Ökonomen, die diese fundamentalen Zusammenhänge anmahnen, jedoch finden diese kaum Gehör.

Das ist dem Umstand zu verdanken, dass nach den regelmäßigen Finanzkatastrophen, wie in den 1920er-Jahren der Weimarer-Republik, die Menschen erstmal mit dem nackten Überleben und danach mit dem Aufräumen und Neustart beschäftigt sind. Und beim Neustart einer Volkswirtschaft, wie 1948 nach der Währungsreform, läuft das Wirtschaftswunder so locker, gerade auch Dank einer soliden Kreditwirtschaft, dass sich niemand gerne mit den Gefahren beschäftigen möchte, die typischerweise zwei oder drei Generationen später aufkommen werden. Gerade auch weil das Kreditgeschäft am Anfang einer Volkswirtschaft für alle Parteien ein segenreiches Geschäft darstellt. Denn eine Wirtschaft, die nur gestützt auf eigene, in der Regel geringe, Überschussreserven investiert, wächst nur sehr langsam oder stagniert sogar auf geringem Niveau.

Der negative Effekt der überproportionalen Vermögensakkumulation tritt dagegen erst sehr viel später in Erscheinung und wird zudem statistisch durch kurzfristige volkswirtschaftliche Schwankungen nach oben und unten leicht unkenntlich gemacht. Zudem ist jede Kritik am Geldsystem ideologisch verbaut, spätestens seit der Philosoph und Vater der Kommunistischen Idee Karl Marx sein Werk „Das Kapital“ verfasste.

Jeder Ökonom oder gar Politiker, der an den üblichen Regeln der Finanzwelt eine Fundamentalkritik äußert, sieht sich, geradezu reflexartig, von allen Seiten dem allfälligen Vorwurf des gleichmachenden Sozialismus und Kommunismus, oder subtiler dem Vorwurf des Neidpolitikers, ausgesetzt. „...In den letzten sieben Jahren kam es durchschnittlich jedes Jahr zu einer internationalen Währungskrise. Wer profitiert von solchen Krisen? Nicht der Arbeiter, nicht der Kapitalanleger, nicht die wahren Produzenten von Vermögenswerten. Die Gewinner sind die internationalen Geldspekulanten. Weil sie von Krisen leben, helfen sie mit, Krisen zu schaffen. ...Die Stärke der Währung einer Nation beruht auf die Stärke ihrer Wirtschaft....Diese Maßnahme wird uns keine Freunde unter den internationalen Geldhändlern einbringen, aber unsere Sorge gilt in erster Linie den .. Arbeitern und einem fairen Wettbewerb überall auf der Welt. ...Ich bin entschlossen, dafür zu sorgen, dass der .. nie wieder ein Spielball in den Händen der internationalen Spekulanten sein wird.“

Nun, wer wohl sprach diese Worte? Nein, es war nicht Marx oder sein
Landsmann Erich Honecker, es war in der Tat der erzkonservative Richard Nixon, als er im August 1971 in einer Fernsehansprache die Einlösepflicht der Golddeckung des Dollars aufkündigte.

Der langfristige Trend bis zum Abgleiten in ein Finanzdesaster ist aber immer der gleiche. Die Dauer solcher volkswirtschaftlichen Lebensphasen lässt sich zudem gut abschätzen. Sie hängt mathematisch etwas komplexer und empfindlich von der volkswirtschaftlichen Sparquote ps und der effektiver Verzinsung pv der Vermögen ab. Als grobe Faustformel für die kritische Zeit, in der eine Volkswirtschaft in Schwierigkeiten gerät, gilt Tc≈3/pv . Für Deutschland betrug die durchschnittliche effektive Verzinsung seit 1948 etwa 4,7%, also Tc≈3/0,047=64 Jahre.

Womit wir ungefähr in das Jahr 2012 als kritisches Datum gelangen. Wir befinden uns also nunmehr wieder in einer kritischen Zeit einer Volkswirtschaft mit positiver effektiver Verzinsung, die in jedem Jahrhundert mit schöner Regelmäßigkeit auftritt.

Kommentare:

  1. Lieber Herr Genreith,

    Sie sind ein Genie !
    Sie verdienen den Nobelpreis!

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  2. Also stimmt es doch, mit dem Maya-Kalender? ;-)

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