Dienstag, 26. Juni 2012

Im Netz der Spinne

Schön das gerade die EM läuft und Deutschland noch im Rennen ist. Andernfalls würde den Deutschen Micheln nämlich eventuell auffallen, dass in Kürze das Parlament einen Vertrag durch winken wird, der in seinen konkreten Auswirkung am besten nur mit den Versailler-Vertrag in Folge des Ersten Weltkrieges zu vergleichen ist. Der hieß übrigens offiziell auch „Friedensvertrag“, seine Ernte dagegen Klang anders, nämlich „Zweiter Weltkrieg“.

„...Ministerpräsident Scheidemann trat in dieser Situation [Anm.: die ultimative Aufforderung zur Unterzeichnung] zurück: Am 12. Mai 1919 begründete er seinen Schritt mit der Frage: „Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in solche Fesseln legte?“ Unter dem Druck des drohenden Einmarsches votierte die Nationalversammlung mit 257 gegen 138 Stimmen für die Annahme des Vertrags. Sein Parteifreund Bauer rief in der Sitzung aus: „Wir stehen hier aus Pflichtgefühl, in dem Bewusstsein, dass es unsere verdammte Schuldigkeit ist, zu retten zu suchen, was zu retten ist. Wenn die Regierung unter Vorbehalt unterzeichnet, so betont sie, dass sie der Gewalt weicht, in dem Entschluss, dem unsagbar leidenden deutschen Volke einen neuen Krieg...zu ersparen.“ Außenminister Müller (SPD) und Bell (Zentrum) unterzeichneten daher am 28. Juni1919 den Vertrag......Der Vertrag konstatierte die alleinige Verantwortung des Deutschen Reichs und verpflichtete es daher zu [u.a.] Reparationszahlungen an die Siegermächte. Die Delegation des Deutschen Reichs wurde zu den langwierigen mündlichen Verhandlungen über den Vertragsinhalt nicht zugelassen... Wegen seiner hart erscheinenden Bedingungen und seines Zustandekommens wurde der Vertrag von der Mehrheit der Deutschen als illegitim empfunden....“

 
Irgendwelche Ähnlichkeiten zum Fiskalpaket? Nun, diesmal ist der erste und zweite Weltkrieg zwar nur im Hintergrund, aber doch, ebenso vorhanden. Denn die Unterzeichnung des ESM-Vertrages und des „Fiskalpakt“ wird von den Parlamentariern erneut als unumgänglich wahrgenommen. Und natürlich entspricht der Euphemismus "Stabilitäts-Mechanismus" und „Fiskalpakt“ kaum der Wahrheit, tatsächlich ist es summa summarum ein „Schuldenpakt“, der auf die Vergemeinschaftung aller öffentlichen und privaten europäischen Schulden unter der Haftung besonders Deutschlands abzielt. Auch wenn Merkel erneut versicherte: "Keine EURO-Bonds solange ich lebe!" , so ist das schon jetzt nicht mehr wahr. Denn die Target2-Aussenstände der Bundesbank sind allein von Januar bis Mai um 200 auf jetzt knapp 700 Mrd.(bn.) Euro explodiert. Allein Spanien und Italien haben sich dort mit je rund 300 Milliarden selbst bedient. Da darf die Angela bei Gelegenheit ja mal ihren Wolfgang bitten, das Geld von den Beiden einzufordern.....vergessen sie's, das kommt nie zurück denn beide müssten auf das Verlangen hin sofort Konkurs anmelden. Und ESM, Bankenunion, Euro-bills, Schuldentilgungsfonds und weitere solcher Konstrukte sind finanztechnisch nunmal auch nichts anderes, auch wenn sie nicht so schrecklich klingen wie "Eurobonds".

Zwar ist der Einmarsch französischer Besatzungstruppen bei Nichtunterzeichnung heute nicht mehr zu befürchten, aber es droht andernfalls kaum weniger schlimmes: Würde die BRD im unmittelbaren Interesse der Deutschen handeln, dann dürfte sie sich keinesfalls auf den Deal einlassen und stattdessen Ade zum Euro sagen. Was dann aber natürlich den sofortigen Kollaps der Rest-EURO-Gruppe zur Folge hätte. Und in der Folge dessen ein Hauen und Stechen um Macht, Geld und Pfründe in den kollabierenden Finanzsystemen. Und Deutschland hätte schon wieder mal die „Kriegsschuldfrage“ am Allerwertesten. Stattdessen versucht man nun „...zu retten zu suchen, was zu retten ist...“, aber natürlich genauso wie damals, nicht zu retten ist.

Immerhin hat nicht nur die Linke, sondern auch Finanzminister Schäuble messerscharf erkannt, dass diese Art der Selbstaufgabe eigentlich illegal ist und die Aufgabe ganz wesentlicher Teile der Deutscher Souveränität einer Volksabstimmung bedarf. Man wird natürlich versuchen sich daran irgendwie vorbei zu mogeln, oder wenn Sie denn doch stattfinden sollte, die Wahlbürger wenigstens mit Schreckensszenarios soweit aufwühlen wird, dass sie dann doch lieber Beelzebub statt den Teufel an der Wand wählen. Die „Rettung“ des EURO's und Europas, das ist tatsächlich ein Teil der alten Kriegsschuldfrage die uns immer noch umtreibt. Und damit von der Merkel-Regierung, aber auch der wesentlichen Opposition, praktisch zur Staatsräson erhoben wurde.

Warum aber sollte der europäische Gewaltakt nicht vielleicht doch funktionieren, Ruhe an die Finanzmärkte und ein einiges politisches Großeuropa hervorbringen, so wie es unser Parlament in kollektiver Verzückung glauben will?
 
Die Gründe sind relativ einfach zu verstehen: Eine Um- oder Gleichverteilung aller Schulden mindert die Gesamtschuldenlast um keinen einzigen Cent. Es spielt in der europäischen Gesamtrechnung keine Rolle unter welchen Finanztüfteleien man die Berge unbezahlbarer öffentlicher und privater Schulden versteckt. Es ist wie in jeder Familie: Wenn der Sohn seine Spielschulden an den lieben Vater weiterreicht, dann ist an der Malaisse der ganzen Familie nichts geändert, es bleibt bei den gleichen Forderungen, insbesondere wenn der liebe Papa und alle anderen Familienmitglieder ebenfalls schon hoch verschuldet sind. Man mag den einen oder anderen Gläubiger ein paar zusätzliche Tage damit täuschen können, mehr aber nicht.

Denn die Summe privater und öffentlicher Schulden, de facto die Gesamtbilanz der Finanzinstitute im EURO-Raum beträgt zur Zeit 33.9 Billionen (engl.: trillions) Euro, das EU-17 BIP dagegen nur 9,41 Billionen (engl.: trillions) Euro. Das ergibt einen Kapitalkoeffizienten von sagenhaften 3,6 oder 360% des BIP. Das ist noch schlimmer als in Deutschland, wo einer neuen Rekord-Bilanzsumme von 8.671 Mrd. (bn.) Euro ein BIP von 2571 Mrd. (bn.) Euro gegenüber steht, ergo ein Koeffizient von 337% des BIP's. Da kann man nun soviel zusammenlegen wie man will, oder alternative in soviele Sondertilgungsfonds verstecken wie man möchte, es wird dadurch ökonomisch keinen Deut besser.

Und weiteres Geld hinein pumpen bringt auch nichts, denn exemplarisch hier für die BRD, beträgt die Kreditierung des BIP's durch Kredite an Unternehmen und Konsumenten bereits 3.245 Mrd. (bn.) Euro, also bereits mehr als 126% des BIP's. Tatsächlich ist das BIP nämlich bis Oberkante Unterlippe vollgesogen mit Krediten, da nützt auch Easy-Money von den Zentralbanken wenig bis garnichts. Das billige Geld der EZB, aber natürlich genauso alle Arten der Rettungsschirme, geht deswegen praktisch ausschließlich in das Bankeneigengeschäft. Denn das längst am natürlichen Rand angelangte Kreditgeschäft macht nur noch 37,4% des Bankengeschäfts aus, das (für den Bürger) nutzlose und schädliche Investmentbanking dagegen ist mit 62,6% fast doppelt so groß. Das besonders schlimme dabei: Dieses mit Abstand größte Bankengeschäft wird von der Standard-Ökonomie überhaupt nicht wahrgenommen, sein mörderischer Einfluss auf das BIP wird im Gegenteil sogar vehement negiert. Und oben drein durch die ganzen Rettungsschirme und selbst Konjunkturprogramme noch prolongiert und verstärkt.

Warum das so ist, kann man auch theoretisch bestens belegen, der Einfachheit halber will ich es aber hier an einer Graphik erläutern:


Dargestellt sind hier, nach den offiziellen Zahlen der deutschen Bundesbank, die Verhältnisse zwischen Kapital und Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 1950 bis 2011 (totaler Kapitalkoeffizient, siehe dazu auch LINK1a und LINK1b). Wir normieren aufs BIP, um die Größenverhältnisse zu erhalten. Die obere Linie ist die Bilanzsumme aller deutschen Kreditinstitute im Verhältnis zum BIP. Bei Punkt (A) in 1967 überschritt dieses Verhältnis erstmals den Wert 100% und beendete damit die sogenannten Wirtschaftswunderjahre. Ab Punkt A schwenkt eine Ökonomie nämlich vom BIP dominierten zur Kapital dominierten Ökonomie um (siehe dazu auch LINK2).

Richtig unangenehm wird es aber erst ab Punkt B (1981), denn dann erreicht auch das unmittelbare Kreditgeschäft der Banken (sog. Geschäftsbankenmodell) bereits 100% des BIP. Ab hier ist das BIP im Prinzip vollgesogen mit Krediten. Eine weitere Kreditexpansion, ohne Bankeneigengeschäft, wird zunehmend unmöglich. Trotzdem geht noch was, und bis zum Jahr 2000 stieg die Kreditierung des BIP bis auf stolze 145% weiter an (im Klartext: das BIP wurde etwa alle 8 Monate einmal komplett per Kredit umgewälzt). Der K.O. kommt dann erst bei Punkt C (Jahr 2000), denn ab diesem Punkt sinkt das Bankengeschäft mit der Realökonomie unter 50% und die Banken werden ab nun immer stärker Investment lastig, also abhängig vom Geld- und Derivatehandel unter den Geschäfts- und Zentralbanken selbst. Das war der Zeitpunkt, an dem dann auch die erste ganz große Investmentblase platzte: Der DotCom-Crash. In der Folge nahm die Kreditierung des BIP's wieder ab und immer mehr Geld floss in das Bankeneigengeschäft. Inzwischen liegt der Anteil des Kreditgeschäfts am BIP mit 126% immer noch mehr als hoch (Umwälzung alle 9,5 Monate), aber die deutschen Kreditinstitute sind inzwischen zu 62,6% im Investmenthandel und nur noch magere 37,4% im BIP engagiert.

Bei einem Kapitalkoeffizienten von inzwischen knapp 3,4 bedeutet dies, das der investive Papierhandel des Bankeneigengeschäfts in der BRD mehr als zwei(!!) BIP's pro Jahr ausmacht. Es ist natürlich ganz klar, das dort auch die allergrößten Probleme auftauchen, und das das ganze leichte Geld das man den Banken gibt, fast ausschließlich in diesen gigantomanischen Bereich ohne echten Gegenwert versickert und nichts mehr für das BIP oder die Allgemeinheit abwerfen kann.

Schlimmer noch ist, was kaum einer sieht, das ab Punkt B selbst BIP Wachstum im Nettoeffekt nur noch zusätzliche Schulden aufbauen kann. Denn jedes BIP-Wachstum ist ab da, selbst unter Vernachlässigung des Bankeneigengeschäfts, immer Schulden produzierend und nicht mehr abbauend, da jedes Wachstum auf der Schuldenseite mit einem Faktor größer 1 zu Buche schlägt. Die Folge: Ab Punkt B kann kein noch so großes Wachstum der Wirtschaft einen irgendwie gearteten nachhaltigen „Schuldenabbau“ der Gesellschaft ermöglichen.


Aber auch vor dem Punkt B zeigt bereits ein Blick auf die historischen Daten, dass das Schulden-/Vermögenswachstum grundsätzlich im mehrjährigen Mittel immer über dem BIP-Wachstum lag. Die Ursache dafür ist der Preis des Kredits: Investoren verlangen einen Zinssatz, der ihnen am Ende des Investments (oder Sparvertrag etc.pp.) nicht einfach mehr Geld als vorher, sondern vor allen Dingen mehr Kaufkraft als vorher garantiert. Das nennt man einen „positiven Realzins“. Bis zum Punkt B kann er sich aufgrund der günstigen Nachfragesituation mit dieser Forderung in aller Regel durchsetzen, danach wird das im Realgeschäft aber immer schwieriger. Um trotzdem noch einen positiven Realzins zu erzielen „müssen“ die Banken dann zunehmend Geld „aus dem Nichts“ zaubern: Indem sie ohne realen Gegenwert im gegenseitigen Eigengeschäft, unter Mitwirkung der Zentralbanken, Geld aus Papieren, Derivaten und Wetten und Versicherungen von Wetten (ja sogar dieser komplette Unsinn zieht) „schöpfen“.

Das funktioniert im wesentlichen so, dass diese Banker viele ihrer im Grunde genommen haltlosen Papiere bei der Zentralbank als Sicherheit hinterlegen (hier spielt das Rating seine dubiose Rolle), und dafür richtig echtes Geld auf Risiko des Steuerzahlers erhalten. Bricht dann eines dieser Zockerpapiere in sich zusammen, dann können sich die Banken in der Nach-Lehmanzeit nun darauf verlassen, das die Steuerzahler, und nicht der im allgemeinen wohlhabende Investor dahinter, die Zeche zahlt.

Und damit kommen wir also noch mal auf die Frage zurück: Warum aber sollte der europäische Gewaltakt nicht vielleicht doch funktionieren? Nun, weder Schuldenverschiebung noch Wachstum können am Dilemma etwas ändern. Auch der dritte Akt, nämlich Sparen des Staates bringt nichts, denn er ist der mit Abstand größte direkte und indirekte Arbeitgeber über seine Staatsquote (siehe auch LINK3). Pro Milliarde „gespartem“ Geld verliert er genauso viel an BIP und Kaufkraft der Konsumenten, und damit erhöht sich der Kapitalkoeffizient weiter zu Ungunsten der Real-Ökonomie. An Griechenland, Spanien und Italien sehen wir den Effekt, da staunt der Ökonom und der Politiker wundert sich.

Der vierte und letzte Akt, also die politische und fiskale Union Europas, dass mag eine politisch attraktive Utopie sein, mit Wirtschaft hat es jedoch praktisch nichts zu tun.

Im Gegenteil, mehr Europa hat bisher im wesentlichen nur mehr Gesetzes- und Subventionswirrwarr, mehr sündhaft teure Behörden ohne klare Abgrenzung aber mit überbezahlten Proporzstellenkegel; Parlamente ohne echte Gestaltungskraft, gewählt nach National ausgeklügelten Verteilungsprinzipien und eine Kommission, die im Zweifel alles alleine am Parlament vorbei ausdrechselt.. Von einem einigen Europa, mit einer einigen Regierung, gewählt nach dem Prinzip „One Man, One Vote“, davon sind wir unendlich weit entfernt. Europa war und ist in seiner jetzigen Verfassung immer nur eine Wirtschaftsgemeinschaft und sehr diffizieler Verteilungsklüngel gewesen, auch wenn das um viele Größenordnungen besser und erfolgreicher war, als die alten ökonomisch-militärische Erbfeindschaften vor dem letzten Krieg gewesen sind.

Finanzkrisen, dass sind im Kern immer nur Verteilungskrisen. Denn Geld ist ein reines Nominal und kann beliebig gedruckt werden. Geld ist aber der ultimative Verteilungsschlüssel einer kapitalistischen Welt: Macht und Wohlstand sind durch Geld repräsentierter Anspruch auf aktuelles BIP, und der hängt exakt an der Realtion(!) der Verteilung dieser Gutscheine auf bestimmte Bevölkerungsgruppen ab. Die intrinsischen Symmetrien einer FIAT-Geldökonomie führen aber immer zu einem überproportionalen Vermögens- und Schuldenwachstum und schlimmer noch, immer zu einer über die Zeit zunehmenden Konzentration von Geld in einer kleinen, und von den wirklich Schaffenden weit entfernten Oberschicht der „1%“.

Die Utopie, die am Wochenende nun durch Parlament geritten werden soll, dieser Fiskalpakt ist nichts als ein Schuldenpakt und eine weitere Kapitulationsurkunde der Demokratien vor diesen obersten Einprozent. Am Grundproblem kann er so nichts ändern, jedenfalls nicht zum Guten. Trotzdem wird dem Parlament, selbst wenn die Masse der Parlamentarier die ökonomischen Zusammenhänge begreifen würde, kaum etwas anderes übrig bleiben. Die Alternativen sind nämlich nicht nur dünn, sondern würden den anschließenden Verteilungskrieg wieder in die Schuldschublade der Deutschen schieben. Wenn man nicht schon wieder den schwarzen Peter zu geschoben bekommen möchte, dann kann man das sinkende Schiff jetzt nicht verlassen, sondern man muss sich in das Unvermeidliche fügen: Der Kapitän geht als letzter von Bord, oder versinkt gemeinsam mit Mann und Maus in der Tiefe.

Die Lösung des Problems kann man auch der obigen Graphik entnehmen: Um wieder ins seichte Fahrwasser zu kommen, muss man die BIP-Linie kräftig anheben, mindestens um das doppelte, besser um das vierfache. Beim doppelten lässt man immerhin wieder den Punkt B hinter sich, beim vierfachen sogar auch den Punkt A. Prinzipiell bieten sich dabei zwei Strategien an, nämlich eine galoppierende Inflation oder eine unparitätische Währungsreform. Eine Inflation ist allerdings nicht wirklich hilfreich, der Grund ist das mit anziehender Inflation auch die Vermögenspreise, also insbesondere die Zinsen, ebenfalls entsprechend anziehen. Der Kapitalkoeffizient, und damit der negative Einfluss der erdrückenden Renditelast von zuviel Kapital auf das BIP, der bleibt dann voll erhalten. Nur bei einer Währungsreform wird das effektiv verhindert: Das Erfolgsrezept ist bekannt von 1924 und 1948, die Folge waren bei ersterem die „Goldenen Zwanziger“ und bei letzteren das, was wir uns alle Wünschen: Die "Wirtschaftswunderjahre".

Anders ist ein Entkommen aus dem Netz der Spinne nicht möglich. Aber das müsste man der europäischen Discordia erst einmal klar machen, bevor das kommende Hauen und Stechen die EU förmlich in seine Bestandteile explodieren lässt.

Kommentare:

  1. Hallo Herr Genreith,

    ein großartiger erleuchtender Artikel. Danke!

    In der letzte Grafik kann man deutlich sehen wie sozial ungerecht die Währungsreform 1948 war.

    In der Öffentlichkeit findet ein Nachdenken über das Wie einer Währungsreform nicht statt, Kapitalanleger allerdings wetten schon lange gegen den Euro.

    Das Kapital wird z.B. im Moment im Erwarten auf genau diese Art der Währungsreform in (sog.) Realwerte investiert, was zum Beispiel in meinem Wohnort München zu einem absurden Anstieg der Immobilienpreise geführt hat.

    Kurzfristig haben sie natürlich recht, da nicht anzunehmen ist, dass Immobilien- und Aktienbesitzer in einer neuen Währungsreform herangezogen werden so lange "Berater" wie Dirk Notheis (Morgan Stanley, Mappus Freund, ENBW Dealer) in den Ministerien und Staatskanzleien sitzen.

    Eine Währungsreform allein kan und wird aber nicht die einzige Auswirkung der Systemkrise sein.
    Sie richtet sich allein gegen die symptome der Systemkrise, nicht die Ursachen.

    Es ist nicht anzunehmen, dass sich die Geschichte des Wirtschaftswunders jemals wiederholen kann.
    Die Ressourcen für ein Wachstum wie wir es in der Verganenheit als selbstverständlich annahmen sind verbraucht.

    Der Wandel dem wir entgegengehen muss mehr sein als ein Reset der Barvermögensverteilung und eine Weltweite Schuldentilgung.

    Eine "steady State Economy" ist auch nach einem solchen Reset nicht optional, denn die Endlichkeit unseres Planeten zwingt sie uns auf.

    Meiner Meinung nach gibt es einen unübersehbaren Zusammenhang zwischen der Vermögensakkumulation der vergangenen Jahrzehnte, der Ressourcenverschwendung und dem Wachstumswahnkapitalismus neoliberaler Ideologie.

    Peak Oil und Peak Liquidity fallen nicht aus Zufall zeitlich aufeinander.
    Der Reichtum wurde angehäuft da die Überschüsse durch das billig verfügbare Öl es erlaubt haben (und nur zu einem kleinen Teil auf dem Rücken des "kleinen Mannes").

    Mit billigem Öl ist es aus, auch nach einem Reset wird das "Wachstum" aus bleiben.

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    1. Wenn ich nicht völlig falsch liege, dann hat man die Besserstellung von Immobilienbesitz damals erkannt und 1952 das sogenannte Lastenausgleichsgesetz erlassen. Immobilien wurden mit einer Zwangshypothek in Höhe von 50% ihres Wertes zugunsten des Staates belastet. Das ist jetzt mal ein ganz grober Anriss, wie das abging. Das Gesetz selbst war deutlich umfangreicher, als nur den Immobilienbesitz zu belasten.

      Es scheint so, als hätte man ein paar Jahre nach 1948 gemerkt, dass man einige Vermögensarten mit der Währungsreform natürlich nicht erwischt hatte, diese Ungerechtigkeiten versuchte man in der Folge, so gut es eben ging, auszugleichen.

      Das ist generell interessant, weil es Hinweise darauf gibt, dass eine Währungsreform von weiteren Massnahmen flankiert werden muss, um nicht gleich wieder ein völliges Machtungleichgewicht zu erzeugen.

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    2. Hallo,

      das sehe ich genauso (Zitat)"Das ist generell interessant, weil es Hinweise darauf gibt, dass eine Währungsreform von weiteren Massnahmen flankiert werden muss, um nicht gleich wieder ein völliges Machtungleichgewicht zu erzeugen.".

      Da sich mit der systemischen Ungleichverteilung der Vermögen auch die wesentlichen Sachwerte (Immobilien, Grundstücke, Firmen etc. pp.) in nur noch wenigen Hände befinden, bleibt ein Großteil der ökonomisch-sozialen Ungleichgewichte erhalten, wenn man da nicht eingreift. So waren etwa Bodenreformen nach allen großen Revolutionen bzw. Vermögensreformen der Schlüssel. So etwa z.B. auch nach den napoleonischen Kriegen in Preußen: Napoleon hat eine Bodenreform durchgeführt, bei der wie in Frankreich besonders die Kirchengüter unter den Hammer kamen. Nach seiner Niederlage wurde das vernünftigerweise nicht einfach rückgängig gemacht. Aber als Ausgleich wurde den Kirchen zugesagt, dass in Zukunft alle Gehälter der Pfaffen vom Staat gezahlt würden. Das gilt erstaunlicherweise bis heute so. Oder auch, gar nicht so erstaunlich.

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  2. Hoffentlich ist dies kein modernes trojanisches Pferd:
    http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/defence/9088261/MoD-considers-moving-6000-tanks-and-military-vehicles-to-Germany.html

    Schon allein die Meldung macht aus heutiger Sicht sehr wohl Sinn ;)

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  3. Die „Schwäbische Hausfrau“ in jedem von uns ist eben ein immanentes Problem in einem Zinssystem. Eine religiöse Begrifflichkeit „Kapitalismus“ ist hierbei leicht irreführend, denn es sind nicht irgendwelche ominösen Eliten allein das Problem, auch wenn diese sich immer herauskristallisieren in einem natürlichen Prozess, sondern wir alle gläubigen Teilnehmer eines Systems tragen Schuld(en) und entsprechend Verantwortung! http://www.reichtumsuhr.de/?cat=4

    Vielleicht findet ein Finaler Clou durch eine Art „Odious debts“ statt…spätestens in 2035? Europa ist "Guthabenfrei" und die Welt hat ein Schuldfreies Finanzsystem? Hoffentlich dann frei von Zinsexponential fungierenden Kapitalkoeffizienten.
    Sonst ist‘s wahrlich wieder Asche.
    Ob die paar Doofen oben das auch wissen?
    Frei nach Hermann Oberth,: "Die größte Lüge ist die Wahrheit..."

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  4. "
    Prinzipiell bieten sich dabei zwei Strategien an, nämlich eine galoppierende Inflation oder eine unparitätische Währungsreform. Eine Inflation ist allerdings nicht wirklich hilfreich, der Grund ist das mit anziehender Inflation auch die Vermögenspreise, also insbesondere die Zinsen, ebenfalls entsprechend anziehen."

    Was ich mich Frage, wo soll die Inflation herkommen, ohne dass Geld in die Realwirtschaft fließt. Gut, steigende Mieten durch Immospekulationen. Aber wie soll, ohne steigende Löhne, eine großartige Inflation in Gang gesetzt werden. Man pumpt durch Spekulation doch nur Blasen auf, die jederzeit Platzen und in Deflation kippen.

    Ansonsten, guter Beitrag, danke dafür.

    Gruss

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  5. Zitat: „Was ich mich Frage, wo soll die Inflation herkommen, ohne dass Geld in die Realwirtschaft fließt.“

    In der Tat ist es, entgegen allgemeiner Ansicht, für die Zentralbanken kaum steuerbar wohin die Inflation/Deflation geht. Die hängt nämlich genau von Angebot und Nachfrage ab, insbesondere auch nach „Finanzprodukten“(!). Letzteres wird aber von der Standardökonomie völlig vernachlässigt bis ignoriert, was deren Einfluss auf die Realökonomie angeht.

    Dieser Einfluss hat zwei wesentliche Kanäle: Erstens, solange diese Finanzprodukte (wie z.B. Staatsanleihen uvm.) nachgefragt werden, fließt das zugehörige Geld eben nicht in die Realwirtschaft, treibt also keine Inflation.. Was aber immer in die Realwirtschaft (ab-)fließt, sind die Renditen die bei diesen Finanzprodukten anfallen. Diese werden nämlich dem Geld, das für die Realwirtschaft noch zur Verfügung steht, effektiv entzogen (das kommt dadurch zu Stande, dass der Letzte in der Kette der Käufer diese Renditen mit anderen (realinvestiven) Produkten substituieren muss). Und das führt dann genau zur Deflation, wie wir sie immer noch in vielen Bereichen sehen. Und damit natürlich auch zur wirtschaftlichen Stagnation und Rezession. Die Inflation entsteht erst dann, wenn ausreichend viele Investoren nervös werden, und dann in Realprodukte gehen. So natürlich z.Z. In Immobilien, aber auch Nahrungsmittel in armen Ländern, was u.a. den arabischen Frühling erst so richtig möglich gemacht hat:

    „Hunger fressen Angst“!

    Steigende Einkommen der unteren und mittleren Schichten treibt daher in der Tat am schnellsten die Inflation, da diese Gruppen ihr Einkommen in Realprodukte stecken müssen, und kaum durch Finanzprodukte substituieren können. Die gefürchtete Hyperinflation kommt aber erst später in Gang. Dazu braucht es zwei Dinge: Erstens müssen die Kapitalbesitzer in großem Stil ihre Papiervermögen in Realprodukte verwandeln. Und zweitens muss es zu einer Handelszurückhaltung oder gar Handelsverweigerung kommen, wenn die Besitzer der Realprodukte nicht mehr sofort bereit sind, diese gegen das angebotene Papier her zu geben.

    Für beide Bedingungen gilt natürlich: Das letzte Vertrauen in die Währung ging bereits in der Breite verloren....und solange es noch genug Gläubige Politiker, Banker und Bürger gibt, wird es nicht geschehen. Allerdings: Das kann ganz schnell umschlagen, und dann geht’s rapide.

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    1. "Was aber immer in die Realwirtschaft (ab-)fließt, sind die Renditen die bei diesen Finanzprodukten anfallen."

      Nicht unbedingt, die können auch wiederum in Finanzprodukten angelegt werden (Perpetuum Mobile). Auch ist ja wohl der (ganze) Sinn der Zentralbankaktionen die Renditen zu drücken.

      Also ich sehe weit und breit keine Inflation kommen. Eher machen wir die Japaner. Inflationsangst zu verbreiten ist doch nur so ein Popanz, um das Geld in die Realwirtschaft zu locken.

      Spekulation kann wohl kurzfristig die Preise treiben, wenn alle auf steigende Preise setzen, ohne realwirtschaftlichen Hintergrund, nennt man das in der Regel Spekulationsblase, wenn die dann wieder platzt, haben wir Lehmann x100.

      MfG

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  6. Hallo Thorsten,

    Zitat: „"Was aber immer in die Realwirtschaft (ab-)fließt, sind die Renditen die bei diesen Finanzprodukten anfallen."-Nicht unbedingt, die können auch wiederum in Finanzprodukten angelegt werden (Perpetuum Mobile). Auch ist ja wohl der (ganze) Sinn der Zentralbankaktionen die Renditen zu drücken.“

    Nun, das ist genau die Fehlspekulation, an der die ganze klassische Ökonomie krankt. Man glaubt tatsächlich daran, dass dieses „perpetuum mobile“, also reich werden ohne die Realökonomie zu beeinflussen, funktioniert. Tut es aber nicht, und alle klassischen Ökonomen und Politiker wundern sich immer noch warum.

    Zitat „ ...die können auch wiederum in Finanzprodukten angelegt werden“, der Satz enthält im Prinzip exakt dieselbe Fehlinterpretation, die jedem „perpetuum mobile“ zugrunde liegt. Natürlich können Finanzprodukte gegenseitig getauscht werden, jedoch will ja jeder dabei einen Gewinn machen. Was übrigens im gesamten Durchschnitt bis heute ja auch passiert.

    Spätestens der Letzte in der Reihe, seien es nun Unternehmer oder private Sparer, müssen die erlangten Renditen der Finanzprodukte aber mit Geld finanzieren, dass sie dann für reale Produkte oder Investitionen in Betriebe nicht mehr zur Verfügung haben (wie das mathematisch funktioniert siehe mein Buch, hier speziell Seiten 118-119). Die Renditen auch der Derivate Industrie schwächen daher immer auch die Realindustrie.

    Das geht solange gut, als dass die Kredite in die Realwirtschaft das Investmentgeschäft der Finanzinstitute noch übersteigen. Seit 2000 überwiegt (in der BRD) allerdings das Investmentgeschäft. Der Summeneffekt ist ab da, dass das mögliche Wachstum (bedingt durch das Kreditgeschäft mit der Realwirtschaft) grundsätzlich nur noch weniger abwerfen kann, als gleichzeitig an Renditen aus dem Derivate- und Investmentgeschäft eingefordert werden.

    Der Summeneffekt wird ab dann eben negativ. Die Wirtschaft, und damit ihr größter Arbeitgeber, der Staat, kommen in die Bedroille und auch nie mehr dort hinaus. Das zeigt besonders schön Japan, das eine Krisenschleife nach der anderen dreht und im langjährigen Mittel nicht mehr von der Stelle kommt.

    Inflation ist da das geringste Problem, denn durch den allgemeinen Kaufkraftentzug kommt es erst einmal zur Deflation. Und in der Folge zu Stagnation (Japan) oder Rezession (in allen westl. Staaten, kurzes Aufatmen zwischendurch eingeschlossen, siehe Krisenschleifen).

    Inflation/Hyperinfaltion kommt erst danach, wenn nämlich das Vertrauen in diese Finanzprodukte verloren geht, und man mit dem Geld stattdessen massiv an den Realmarkt ran geht. Soweit sind wir noch nicht, es kann aber leider sehr schnell und scheinbar „urplötzlich“ passieren.

    Beste Grüße, Heribert.

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  7. So weit so gut. Man darf allerdings nicht ausseracht lassen, daß endloses Bip Wachstum in einer begrenzten Welt niemals möglich ist und die sogenannten Wirtschaftswunderjahre so niemals wiederkommen werden. Wachstum ist eine feine Sache und Stagnation oder gar Schrumpfung wird immer Probleme mit sich bringen, hilft aber nichts.
    Seit ich denken kann, ist es vornehmste Aufgabe der Politik, das Bip Wachstum weiter zu befeuern. In Zukunft werden sich aber die rein physikalischen Grenzen weltweit immer mehr ins Bewusstsein drängen. Der immense Erfolg der deutschen, europäischen und amerikanischen Wirtschaft beruhte ja vor allem darauf, daß wir die Rohstoffe den "Indianern" für`n Appel und`n Ei abgekauft haben und die daraus gefertigten Produkte sehr hoch bewertet wurden.
    Seit allerdings millionen von Chinesen, Indern ect... die kleine Scholle Ihrer Subsistenzwirtschaft verlassen haben und auch Tag für Tag im immer effizienteren industriellen Fertigungskomplex tätig sind, drehen sich die Verhältnisse um.
    Die Welt wird überhäuft mit Konsumgütern, die fast nichts mehr wert sind.( Beispiel: mindestens 10 DVD-player pro Monat für ein 30qm Appartment in München). Know how wird zum Allgemeingut und alle schlagen sich um die letzten verbliebenen Rohstoffe und Resourcen.

    Für Deutschland in der EU wäre es imho klüger gewesen, von seinen südlichen Nachbarn zu lernen und Ihnen ähnlicher zu werden, anstatt die Zügel noch straffer zu ziehen und alles ansich zu reissen, für eine Führungsrolle, die wir aus bekannten
    historischen Gründen eh nicht ausfüllen könnten und sollten.
    Im Übrigen hat ja nicht der deutsche Durchschnittsbürger profitiert, sondern nur die Exportindustrie, deren Anteilseigner sowieso international sind.

    Klüger (und wohl auch gerechter )wäre es gewesen, den Ball flach zu halten, die "Rest-Bonität" der Brd in zum Beispiel Rente ab 55 und ähnliches zu investieren, und von mir aus international als "kranker Mann Europas" tituliert zu werden.
    Stattdessen überfordern wir uns mit Zahlungsverpflichtungen auf zukünftiges Bip und bekommen obendrein wegen Bevormundung und Gängelei (wer zahlt schafft an) wieder mal die Rolle des Bösen.
    Ist für alle anderen ja auch bequem.
    Aber geschickte psychologische Diplomatie war wohl noch nie die Stärke der deutschen Pölitik, da sind uns die meisten anderen Länder um Meilen voraus.

    Viele Grüße R.D

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    1. Dem kann ich in allen wesentlichen Punkten nur zustimmen.

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  8. Frage:
    Was sind eigentlich die 9,2 Bil. Euro Bankschulden, die in diesem Aufruf der Professoren (Krämer, Sinn etc.) gegen den ESM erwähnt werden? Sind das wirklich rein die Bankschulden der PIIGS oder sind es die Schulden der Privaten insgesamt, also Haushalte, Unternehmen und Banken?

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  9. Hallo,

    vermutlich handelt es sich um den Posten
    "Einlagen und Aufgenommene Kredite von Nichtbanken", siehe dazu vielleicht auch:

    http://genreith.de/index.php?id=bibliothek-oekonomie

    Für Deutschland alleine sind dies zur Zeit etwa 3,34 Billionen €uro. EU-17 weit dürften das nach Adam riese dann so um diese 9 Billionen sein.

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