Samstag, 2. März 2013

Fracking und die Spur des Geldes

Wenn man sich über manche Dinge wundert und die Fakten nicht so recht zusammen passen möchten, dann ist es im allgemeinen recht hilfreich, die „Spur des Geldes“ zu verfolgen. Ein so ein Ding ist das sogenannte „Fracking“. Fracking ist in aller Munde und nun will auch die Bundesregierung ein erstes Gesetz durchwinken, dass diese umstrittene Öl- und Gasfördermethode auch in Deutschland ermöglichen soll.

Fracking-Prinzip : http://en.wikipedia.org/wiki/Hydraulic_fracturing

So schreibt Die Welt : „Das Eine-Billion-Euro-Geschäft mit dem Fracking...Zwischen 700 und 2300 Milliarden Kubikmeter groß soll das Potenzial in Schiefergaslagerstätten in Deutschland sein. Zum Vergleich: Derzeit liegt der Jahresverbrauch deutscher Haushalte und Unternehmen von Erdgas bei 92 Milliarden Kubikmetern. ...Diese gigantische Menge an Schiefergas hätte heute einen Wert von mehr als 1000 Milliarden Euro. Der Haken daran: Dieses Erdgas kann nur mit der umstrittenen Methode des Fracking aus dem Boden geholt werden....Mit solchen Milliardenzahlen macht die deutsche Erdgasindustrie derzeit Stimmung für das Fracking. "Mehrere Hundert Milliarden Euro an Wertschöpfung sind für Deutschland möglich und auch hohe Steuereinnahmen", sagte Gernot Kalkoffen, der Vorsitzende des Wirtschaftsverbandes Erdöl- und Erdgasgewinnung, in Hamburg...Das Problem für die Industrie ist nur: Vergangenes Jahr haben die Behörden in Deutschland keine einzige Bohrung für das Fracking zugelassen. ... Deshalb begrüßen wir [Die Unternehmen; Exxon,RWE Dea, EWE und VNG], dass die Bundesregierung nun mit einem Gesetz die Rahmenbedingungen festlegen will", sagte Kalkoffen. Die Vorschläge von Bundesumweltminister Peter Altmaier seien "eine gute Basis und ein Schritt in die richtige Richtung". .. der Verweis auf die USA, wo Fracking und Schiefergas den Erdgaspreis um ein Vielfaches verringert haben, wird Kritiker kaum überzeugen.“.
Ach, was waren das für Zeiten. Bohrstelle 1989 KTB / Petrodata AG. Oben Bohrtisch, unten Führerstand und Preventer.

Die Hype kommt mal wieder aus den USA. Zwei Dinge stoßen einem dabei, neben der erheblichen Umweltproblematik, zunächst auf: Erstens soll es vom Fracking-Gas angeblich „unendlich“ viel, und noch verwunderlicher, auch noch super billig geben. Wer die Prospektions-Szene aber ein bisschen näher kennt weiß, dass die Fracking-Methode weder besonders neu noch besonders billig ist. Die Methode wurde nämlich bereits in den 1940er-Jahren erfunden und dass sie aktuell mit großer Vehemenz erneut ins Gedächtnis gerufen werden muss, hängt eben damit zusammen dass sie ganz und gar nicht billig ist und eigentlich mangels Masse auch nicht gerade rentabel. Während man an einer normalen Bohrstelle gerade mal ein Loch bohrt, und dann ein riesiges Ventil (Preventer) drauf setzt, damit einem die ganze Soße nicht entgegen geflogen kommt, ist man beim Fracking dazu gezwungen genau umgekehrt vorzugehen: Man bohrt etliche Löcher, wenigstens so um die sechs, verteilt über ein oder zwei Quadratkilometer, und pumpt unter hohem Druck teils sehr giftige Flüssigkeit ins Gestein um dort das eingeschlossene Gas oder Öl frei zu bekommen und ein paar Tropfen heraus zu quetschen.

Die giftige Hydraulikflüssigkeit ist danach noch stärker verunreinigt als sie vorher schon war und muss schließlich entsorgt werden. Wobei „ent-Sorgen“ der übliche Euphemismus dafür ist, dass irgendwo entweder reichlich teure Reinigungsverfahren angewendet werden müssen, oder meist, das Zeugs einfach irgendwo hin gekippt wird, also „aus den Augen aus dem Sinn“. Tatsächlich pumpt man es in den USA am liebsten dann wieder ins ausgelutschte und zerrüttete Gestein zurück, wo es bis zum Sankt Nimmerleinstag bleiben soll. Aber eben meistens leider nicht tut, sondern sich einschließlich des Restgases nach oben ins Grundwasser schleicht. Selbst unter Ausschluss dieser Umweltzerstörungen, deren Kosten man erst mal aufschiebt, um sie irgendwann natürlich dem Steuerzahler aufs Auge zu drücken, kommt solcher Bohraufwand locker um den Faktor 10 höher als bei konventionellem Gas. Wie man da also überhaupt nur rentabel fördern soll, geschweige denn den so gewonnenen Brennstoff billiger anbieten kann, dass ist und bleibt dem Fachmann ein heiliges Rätsel.

Umso erstaunlicher, dass in den USA in letzter Zeit der Gaspreis um 80% fiel, angeblich genau wegen der vermehrten Anwendung dieses Verfahrens. Mehr noch, angeblich würde man in absehbarer Zeit vom größten Gas- und Ölimporteur zum größten Exporteur aufsteigen können. Welch eine Marktschreierei, viel zu schön um wahr zu sein. Zu schön um es nicht gleich glauben zu wollen, zu verlockend um nicht gleich in das Geschäft einzusteigen...Wohlstand und Energie für Alle, da darf auch die BRD nicht lange zögern. Wie alle Märchen hat das vermutlich natürlich versteckte Haken, und am Ende der ausgelegten Brotkrumen lauern nicht etwa fette Lebkuchen, sondern eine hinterlistige Hexe.

Natürlich, des Rätsels Lösung hat etwas mit Geld zu tun, aber in der Tat nicht auf Anhieb leicht zu durchschauen. Der WDR-Wirtschaftsredakteur Jürgen Döschner hat das sehr schön recherchiert. So ist der aktuelle Gaspreis den die Firmen in den USA anbieten nur als eine geschickte Mischkalkulation zu erklären. Einerseits führt das erhöhte Angebot natürlich zu einem Preisrückgang, was die Gewinne und die Attraktivität des Frackings sogar noch weiter schmälert. Tatsächlich macht man mit Fracking selbst nur Verluste.

Die monetäre Lücke wird ganz anders gefüllt. Denn die aktuellen Gewinne für die US-Multis kommen aus einer ganz unvermuteten Ecke: Dem Aktien-, Anleihen und Derivatehandel, wer hätte es gedacht. Für ihr Rating brauchen die Multis nämlich den Nachweis von selbst erschlossenen Ressourcen, denn wer mehr verkauft als er nachhaltig aus seinen Reserven schöpfen kann, der verliert sein Rating. Hat er mehr als er fördern kann, dann steigt sein Rating dagegen und der Wert seiner Papiere stetig an. Das man die Frackingressource in der Bilanz überhaupt aufführen darf, das wiederum gilt in den USA aber erst seit 2010. Und, Oh welches Wunder, seitdem haben wir die Fracking-Hype. Wobei es für die Multis natürlich zusätzlich von größtem Interesse ist, die vermuteten Ressourcen gewaltig nach oben zu interpolieren. Denn je mehr man „vermutet“, desto dicker sind die Gewinne im Papiergeschäft. Und da macht es für die Multis überhaupt nichts aus, wenn sie ein paar Jahre lang Milliardenverluste mit dem Fracking machen.

Und dabei ist eigentlich, neben den schieren Kosten, auch letztere „Vermutung“ äusserst fraglich: zwar ist im Moment Niemandem wirklich klar, wieviel aus dem Untergrund per brute force tatsächlich noch heraus zu cracken ist, aber es ist weit weniger als suggeriert. Schließlich macht man nichts anderes als aus einem fast schon trockenen Schwamm den letzten Tropfen heraus zu wringen. Jürgen Döschner: „Schiefergas ist also nichts anderes als eine Überlebenshilfe für die Dinosaurier des ausgehenden Ölzeitalters. Ihr eigenes Ende werden sie damit vielleicht ein wenig hinauszögern. Der Traum vom billigen Gas im überfluss wird auch in den USA jedoch bald ausgeträumt sein. Was bleibt sind zerstörte Landschaften und gigantische ökologische Zeitbomben im Untergrund. Noch haben wir die Chance, dies bei uns zu verhindern“.

Nun ja, es wird in Deutschland am Ende wie mit jeder US-Blase am Markt sein, man springt auf den angebotenen Zug aus Übersee auf um vermeintlich auch noch was vom Supergeschäft ab zu bekommen. Und am Ende bleibt man wieder auf einem Berg von „Ölsandzertifikaten“ und einem zerütteten Untergrund sitzen, so wie man es bei den Subprimes auch geschafft hat. Und genauso wird wieder keiner „gewusst“ haben, was doch absehbar ist. Und die Jenigen, die kräftig verdient haben werden dann längst über alle Berge sein, während Die, die zahlen müssen, wieder in die leeren Rohre schauen werden.

( Den Radio-Podcast zur WDR-Sendung kann man sich anhören unter –WDR 5,Fracking-Chance oder Gefahr? )

Kommentare:

  1. Hallo Herr Genreith,
    vielen Dank für die Erweiterung meines Horizonts. Es ist, so böse es sein mag, dennoch ein wenig beruhigend für mich, daß es noch andere Wege gibt, auf denen dieser ökonomische und ökologische Wahnsinn für die Initiatoren lohnend sein kann.
    Bisher konnte ich mir nur einen geplanten Krieg als Grund für so aberwitzige Unvernunft vorstellen. Ein paar Jahre Autarkie würden da alles rechtfertigen. Wie ich gelesen habe, soll noch immer das Bergrecht des Dritten Reiches für uns in Kraft sein.
    Was die Chancen, das alles aufzuhalten angeht, dürfte es allerdings kaum einen Unterschied machen, ob es um die Vorbereitung eines Krieges geht, oder nur um die Interessen der Öl-Konzerne.

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  2. Hallo Herr Genreith,
    ja, Fracking ist ein Thema das ich gerne nicht erleben möchte.
    Warum?
    Es gibt diesen Film:
    Gasland
    (Gasland ist ein vom Filmemacher Josh Fox geschriebener und inszenierter US-amerikanischer Dokumentarfilm aus dem Jahr 2010. Wikipedia
    Erscheinungsdatum: 2010 (Ersterscheinung)
    Regisseur: Josh Fox
    Länge: 107 Minuten)
    Auszüge davon sind im Netz verfügbar
    z.B. Gasland PART 2 OF 2
    http://www.youtube.com/watch?v=D_uNx2fXlfE

    Aber auch der WDR hat sich schon diesem Thema gewidmet:
    3 Sat Kulturzeit - Gasland, die Wahrheit über Fracking 10.02.2012 ( 5:49 min )
    http://www.youtube.com/watch?v=auj_f8yeDFw

    Gruss K. S.

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  3. Klasse, danke für die Aufklärung. Ich habe bisher noch Illusionen gehabt, was das Thema fracking betrifft - nun bin ich schlauer geworden. Vor allem die wirtschaftliche Komponente war mir nicht so klar gewesen...

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