Samstag, 5. Oktober 2013

Lampedusa oder Lampe duster?

Der Umgang mit nackten Zahlen macht vielen Menschen Schwierigkeiten. So werden im Laufe der Finanzkrise dann auch schon mal Millionen, Milliarden und Billionen verwechselt. Zumal die gleichen Zahlen im englischen Sprachgebrauch millions, billions und trillions lauten. Allein die USA z.B. müssen jährlich 1 trillion US-Dollar völlig aus dem Nichts drucken um sich vor dem finanztechnischen Absaufen zu retten. Was zunehmend schwierig wird, da es einem Ertrinkenden wenig nützt, wenn man ihm zusätzlich noch weiteres Frischwasser einflößt.

Lampedusa, tragedia in mare ...

Dreihundert, dass ist dagegen eine Zahl, die sich jeder noch einigermaßen gut vorstellen kann. Dreihundert Euro hat schließlich jeder schon mal auf den Ladentisch gelegt, sei es für einen neuen Flat-TV oder einen Satz preisgünstiger Winterreifen. Dreihundert Menschen, da wird es schon etwas schwieriger. Eine typische vollbesetzte deutsche Grundschule hat etwa 300 Schüler. Das ist schon etwas plastischer, wenn man sich so einen tummelig vollen Pausenhof ins Gedächtnis ruft. Etwa 300 Flüchtlinge aus Afrika, so viele sind jetzt gerade vor der italienischen Küste, nur einen Kilometer vor dem rettenden Strand, jämmerlich ersoffen. Die Zahl 10 macht uns da schon weniger Kopfzerbrechen. Schließlich haben wir, zumindest die meisten, genau zehn Finger. Zehn Leichen, ja die werden schon seit Jahren mit schöner Regelmäßigkeit mal hier und mal dort an den Südeuropäischen Stränden angespült. Auch wenn, nur zum Vergleich, zehn ertrunkene Touristen im Hamburger Hafenbecken sicherlich wochenlang die Gazetten füllen würden, die Zahl zehn ist für dieses spezielle Flüchtlings-Problem längst keine Größe mehr, die noch irgendeinen Skandalreporter hinter seinem heimeligen Busch hervor locken würde.

Das Horrorboat vor Lampedusa in ca 47 Metern Tiefe. Screenshot Liveleak.
Spiegel-Online: “Das Unglück vor der italienischen Mittelmeerinsel war schließlich bereits das zweite dieser Art binnen einer Woche - am Montag waren vor Siziliens Küste 13 Flüchtlinge beim Versuch, ans Ufer zu schwimmen, ertrunken. Von bis zu tausend toten Migranten in diesem Jahr gehen die italienischen Behörden aus...“. Nun ja, 1000 allein vor Italiens Küste, nochmal soviel rund um Gibraltar und um die Kanaren herum. Wenigstens, jährlich und Tendenz seit den 90er-Jahren schon ständig steigend. So genau weiß es allerdings niemand, selbst die Haie haben längst aufgehört zu zählen: „...Und deren Strom wird nicht so bald abreißen: Derzeit sind wegen des günstigen Wetters besonders viele Flüchtlinge aus Afrika auf dem Weg nach Europa. Sie kommen auch, weil der Arabische Frühling in Ländern wie Tunesien oder Ägypten rasch abgeklungen ist und in Somalia und Eritrea das staatliche Chaos wächst. In Libyen lässt die unübersichtliche Lage seit dem Sturz von Diktator Muammar al-Gaddafi den Schleuserbanden weitgehend freie Hand.“.

300, nun da kann man nicht mehr so einfach weg schauen. 

Nicht nur Regierungschefs, selbst der Papst hat sich über Europas Schande schon deutlich geäußert, auch BP Gauck natürlich am gestrigen deutschen Feiertag. Von der EU kam da schon etwas mehr als warme Worte: „...EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström schlägt nun Folgendes vor: Im Dezember soll das Europäische Grenzkontrollsystem (Eurosur) starten, das kleine Boote leicht aufspüren und aus Seenot befreien kann. ...Und dann gibt es noch die Idee der "Mobilitätspartnerschaften", die die Europäische Union etwa mit Marokko bereits geschlossen hat...Drittländer müssen [dafür] beim Kampf gegen Menschenschmuggel mitmachen und illegale Migranten verpflichtend wieder aufnehmen - im Gegenzug sollen ihre Bewohner leichter Visa und mehr Infos über Arbeitsmöglichkeiten in Europa erhalten...Die Ansätze klingen gut, doch das Kernproblem der EU lösen sie nicht. In Lampedusa strandeten seit 1999 rund 200.000 Flüchtlinge aus Asien und Afrika, allein in diesem Jahr 22.000. Europas Rezept hieß bislang: Abschottung. Die Zahl der Asylanträge innerhalb der EU fiel zwischen 1992 und 2007 von 460.000 auf nur noch 220.000. Dies geschah, weil die besonders betroffenen Staaten im Süden zweifelhafte Deals mit Diktatoren wie Gaddafi schlossen, um sich Flüchtlinge vom Leib zu halten.“.

So die Welt heute: „Seit 1993 sind fast 20.000 Flüchtlinge vor den Küsten Italiens ertrunken. Das südeuropäische Land fühlt sich allein gelassen, auch wenn die meisten Flüchtlinge nach der Landung gen Norden ziehen.“. So ist zwar Italien neben Spanien und Griechenland einer der Hauptanlaufländer der afrikanischen Flüchtlingsströme nach Europa, aber keineswegs das Hauptimigrationsland: „Die Auffangheime sind überfüllt, die Verfahren dauern lang. Viele Flüchtlinge versuchen deshalb, der Registrierung in Italien zu entgehen und sich gleich in den Norden Europas abzusetzen. Die Zahlen sind eindeutig: Auf 1000 Einwohner kommen in Schweden neun, in Deutschland sieben und in den Niederlanden rund fünf Flüchtlinge. In Italien ist es gerade einmal einer.“
Die Meerenge von Gibraltar - Foto aus Jetfenster in 12 km Höhe: Unten das spanische Cadiz und der rauhe Atlantik, oben Mitte die schmale "Straße" von  Gibraltar und darüber Marokko, oben links das relativ ruhige Mittelmeer.
Das nun weiter vorgeschlagene Europäische Grenzkontrollsystem (Eurosur) hat allerdings schon andere Vorläufer, so die Frontex: „Auch das Europäische Unterstützungsbüro für Asylfragen, kurz EASO, in Valletta auf Malta steht Italien zur Seite. Die europäische Gemeinschaftsagentur Frontex mit Sitz in Warschau koordiniert den Schutz der EU-Außengrenzen und hilft Italien ebenfalls – beispielsweise bei der Gefahrenanalyse, bei der Ausbildung der Grenzbeamten oder auch bei der Abschiebung. Aus italienischer Sicht ist das nicht ausreichend. Frontex funktioniere nicht, schimpft Innenminister Angelino Alfano: "Die Behörde ist nicht effektiv." Die EU müsse mehr tun und mit Schiffen und Flugzeugen die Grenzen bewachen.““. Nun Frontex fliegt und schwimmt im Prinzip entlang der nordafrikanischen Küsten um dort die Flüchtlinge frühzeitig abzufangen und ggf. auch zurück zu drängen. Vor den Kanaren war man damit einigermaßen erfolgreich, wo vor nicht allzu langer Zeit noch das morgendliche Anlanden zahlreicher Leichen vorkam. Besonders an den Touristenstränden der Ostküsten von Lanzarote und Fuerteventura, was tatsächlich der Attraktivität dieser Eilande durchaus abträglich gewesen war.

Nun muss man sich allerdings, angesichts dieser exemplarischen Tatsachen, sehr wohl fragen warum der Untergang der Concordia mit 32 Toten, unter Beteiligung eines genauso verantwortungslosen schmucken Kapitäns wie jetzt auf der lausigen Flüchtlingsschaluppe, die Gazetten über Jahre füllen konnte, während das Dauersterben praktisch im Blätterrauschen untergeht. Ein bisschen tiefer gehendes Nachdenken sollte angebracht sein, auch wenn es angesichts der Horrors viel leichter ist, in mea culpas zu verfallen: „Nach dem Flüchtlingsdrama vor Lampedusa übt Pro Asyl harsche Kritik an der Abriegelung der europäischen Außengrenzen. Im Interview fordert Geschäftsführer Günter Burkhardt die Öffnung der Grenzen.“. Oder auch hier: „Die EU-Kommissarin für humanitäre Hilfe, Kristalina Georgieva, mahnt nach dem jüngsten Schiffsunglück vor der italienischen Insel Lampedusa eine Änderung der europäischen Flüchtlingspolitik an. „Wir Europäer müssen nicht nur die Herzen und die Geldbeutel offen halten, sondern auch unsere Grenzen“, sagte Georgieva der Tageszeitung „Die Welt“ vom Samstag. Die EU basiere auf Solidarität. „Das bedeutet, dass wir Menschen willkommen heißen müssen, wenn sie unsere Hilfe brauchen“, sagte Georgieva.“.

Nicht zu vergessen Papst Franziskus: „Papst Franziskus sprach von einem "Tag der Tränen". Sichtlich bewegt verurteilte er "die Gleichgültigkeit gegenüber jenen, welche die Sklaverei, den Hunger fliehen, um die Freiheit zu suchen, doch stattdessen den Tod finden, wie gestern in Lampedusa". Franziskus hatte am Donnerstag im Vatikan gesagt, es könne nur als "Schande" bezeichnet werden, dass schon wieder Menschen bei einem solchen Unglück ums Leben gekommen seien. "Wir müssen uns zusammenschließen, damit diese Tragödien aufhören", forderte der Papst. Der Papst hatte Lampedusa vor zwei Monaten besucht und auf das Schicksal der Flüchtlinge als Folge einer "Globalisierung der Gleichgültigkeit" aufmerksam gemacht.“.

Angesichts dessen mutet auf den ersten Blick die scheinbar unmenschlich kontrastierende Aussage des italienischen Innenministers seltsam an : „Vertreter von Hilfsorganisationen fordern humanitäre Korridore, um Flüchtlingen eine sichere Einreise nach Europa zu ermöglichen. Der italienische Innenminister Angelino Alfano setzt dagegen auf Abgrenzung und sieht Europa am Zug: "Wir wollen dass die EU-Agentur Frontex verstärkt wird und unsere Küsten effizienter überwacht werden. Europa muss dieses System mehr nutzen. Das ist eine europäische Grenze."“. Herzloser Mensch oder technokratischer Realist also? Sollen wir nicht lieber alle Grenzen und Geldbeutel nun herzlich öffnen und unser christliches Gewissen mutig in die weit geöffnete Waagschale werfen?

Wenn es nur so einfach wäre. 

Dazu müssen wir einfach mal wieder einen Blick auf nackte aber bedeutsame Zahlen werfen. Zunächst zur Geographie, denn die spielt hier eine wichtige Rolle: Der Fluchtwege von Afrika nach Europa führen über vier allgemein praktikable Wege – von Westen nach Osten aufgezählt:

(1.) Kanarische Inseln (E),
(2.) Straße von Gibraltar (E),
(3.) Italien via Lampedusa/Malta/Sizilien (I), und
(4.) über das Nadelöhr Sinai/Israel (ISR) dann weiter bis zur EU-Grenze Griechenlands (GR) als

davon einzige Fluchtroute per pedes. Natürlich gibt es noch ein paar andere unbedeutendere Möglichkeiten, etwa sich an das Fahrwerk eines Fliegers nach Europa zu klammern, aber dass sind alles nur spektakuläre Ausnahmen. Alle diese Grenzen sind zur Zeit noch schwer illegal zu überwinden, einerseits weil man teils hochseetüchtige Boote dafür benötigt (1,2,3) oder unmittelbar Grenzen mit Todesstreifen und Schießbefehl überwinden muss (4).

Die vier wesentlichen Fluchtwege nach Europa
Trotz der gewaltigen Gefahren für Leib und Leben, trotz der unverschämten Geldforderungen der skrupellosen Schleuserbanden, all das hindert ganz offensichtlich nicht die Menschen Afrikas, so wie jetzt im konkreten Fall, sich von so enorm weit auseinanderliegenden Ländern wie Ghana und Somalia aufzumachen. Und sich bis an die Strände Libyens durchzuschlagen, um dort in eines der Himmelfahrtsboote zu klettern. Der typische Bundesbürger würde allein schon nicht die Strapazen der tausende Kilometer Wanderung bis an die Nordküste überleben. Kein Wunder daher übrigens, dass am traurigen Ende der jetzigen Horror-Katastrophe in Lampedusa wie so häufig, fast nur noch kräftige junge Männer lebend das EU-Ufer erreichen.

Man darf also schon so erahnen, welcher gewaltige Druck sich in Afrika aufgebaut hat, der durch eines der wenigen Überdruckventile Entlastung sucht. 

Das dieser Druck erst mal durch grausame politische, religiöse und vor allen Dingen wirtschaftliche Verhältnisse bedingt ist, ist weit gehend bekannt. Zumindest dem Umfang nach, die teils grotesken Details und grausamen Umstände eher weniger. Um es obendrein auf den Punkt zu bringen: Die grausamen Details haben im wesentlichen eine fundamentale Grundursache – weitgehende Verteilungsungerechtigkeit. Soweit diese Gesellschaften überhaupt einen wesentlichen Mehrwert erzeugen, so reißen sich die Eliten diesen fast vollständig unter den Nagel, für die breite Masse bleibt oft nur nichts bis noch weniger. Und diese Vorgehensweise ist auch in den vielen Stammesgesellschaften, die wenig bis gar keine Solidarität mit anderen Stämmen kennen, auch fest in den Köpfen betoniert. Mit kaum Aussicht auf mittelfristig bedeutsame Änderungen.

Aber nackte Zahlen liefern hier noch eine bedeutsame Zusatzinformation: Das enorme Bevölkerungswachstum Afrikas. Nach realistischen Berechnungen u.a. der UN wird sich bis 2050 die Zahl der Einwohner Afrikas von zur Zeit etwa eine Milliarde auf bis zu drei Milliarden erhöhen. Oder anders gesagt: Jährlich im Durchschnitt um 50 Millionen, also der Einwohnerzahl Spaniens oder Italiens vergleichbar. Jährlich! Und diese Neuankömmlinge erwartet in Afrika jeweils genau das, was die bereits dort Lebenden auch haben: Nichts bis sehr wenig in ökonomischer Hinsicht.

Die, hier noch nicht formulierte Konsequenz, liefert genau die scheinbare Gleichgültigkeit der EU-Institutionen gegenüber dem Flüchtlingselend, als auch die relative Zurückhaltung der Massenmedien, als auch die Ursache für die politischen Aktivitäten die wenig bis gar nichts zur Verbesserung der Situation der Flüchtlinge beiträgt. Denn ohne rassistisch oder unmenschlich sein zu wollen, was wäre die Konsequenz der „Öffnung der Grenzen“ nach Europa wirklich? Das sich der inzwischen an den Fluchtpunkten angestaute Flüchtlingsstrom nach Europa ergießt und danach langsam abebbt bis die Sache erledigt ist? Nein, und das bedarf auch keiner besonderen Prophetie, das Gegenteil wäre natürlich der Fall: Der Ansturm auf die Grenzen würde jeden Tag gewaltiger werden. Und zwar in Dimensionen, die sich heute noch kein Verantwortlicher wirklich ausmalen kann, darf oder auch nur wirklich wollte.

Denn das zugrundeliegende Problem, Verteilungsungerechtigkeit plus immenses Bevölkerungswachstum,  ist längst außerhalb jeder realistischen Kontrolle angelangt. 

Und diese ganz nebenbei noch wesentlich verschärft durch Klimawandel plus weltweite Finanzdesaster. Innerhalb demokratisch vermittelbarer und legalisierbarer Grenzen, und mit den noch zur Verfügung stehenden Mitteln, ist an der innewohnenden Dynamik nichts mehr wesentliches zu ändern. Jedenfalls nicht in dem kurzen Zeitraum der notwendig wäre. Es ist, bildlich gesprochen etwa so, wie wenn man einen riesigen Bioreaktor in mitten einer Großstadt hat, der sowohl unter zunehmender Korrosion als auch Überdruck aufgrund innerer Gärungsprozesse leidet.

Was kann man da machen? Klar, erst einmal die undichten Stellen abdichten. Aber das führt im Zweifelsfalle bestenfalls dazu, dass der Druck noch weiter ansteigt. Man könnte genauso gut weg schauen. Man kann versuchen den steigenden Überdruck durch noch vertretbare Überdruckventile abzuleiten. Aber auch dass nützt langfristig nichts, wenn der von der Gärung verursachte Überdruck schneller ansteigt, als wie man über die Ventile abführen kann. Man kann natürlich auch den kompletten Tank einigermaßen kontrolliert ablassen, um den Preis, die ganze Stadt mit der innewohnenden Suppe zu überfluten. Oder man wartet eben einfach ab, bis dass Fass endlich explodiert. Das Ergebnis ist in etwa dasselbe, außer das es plötzlich und scheinbar „unerwartet“ kommt. Mit dem bedeutsamen Vorteil allerdings auf der Seite, dass das bereits absehbare Szenario im Vorhinein eben niemanden politisch vermittelt werden muss.

Und so werden wir es auch im Falle der Lampedusa-Katastrophe erleben. Natürlich ist es erst mal ein Aufreger, und alle Gutmenschen werden die einen oder anderen Verbesserung der Flüchtlingssituation fordern und vielleicht sogar durchsetzen. Kleine Überdruckventile, um im Vergleich zu bleiben. An dem Gärungsprozess wird es nichts ändern. Nicht ändern können, denn etwas mehr oder weniger diplomatischer Druck auf die zahlreichen Despoten, Stammesfürsten und Landlords etwas an der Verteilungsungerechtigkeit zu ändern, wird kaum etwas bewirken. Auch gesteigerte Entwicklungshilfe nicht, dafür sind die Mittel viel zu begrenzt und erreichen oft genug auch nicht das beabsichtigte Ziel. Mal ganz abgesehen vom engen Zeithorizont.

Genauso wenig nützt es pauschal den Geldbeutel großzügig zu öffnen, denn die Mittel versickern größtenteils in solchen Fällen in den privaten Kanälen der örtlichen Machteliten. Und was oft nicht begriffen wird, selbst geschenktes Geld schafft über das Bankensystem immer wieder neue Schulden für die betroffenen Volkswirtschaften. Denn Geld ist kein Wert, man kann es gar nicht oft genug betonen, sondern ein Anspruch auf Werte. Die überdies dann auch noch in wenigen Händen liegen. Und wenn reale Werte im Lande nicht genügend vorhanden sind, dann wirkt dieses ausländische Geld nur kontraproduktiv.

Und wenn wir uns auf nackte Zahlen beschränken wollen, so vielleicht eine Überschlagsrechnung: Bei 50 Millionen Neugeborenen pro Jahr braucht man zur deren Alimentation rund 500 Mrd. Euro jährlich an Wachstum. Wohl gesagt jährlich und zudem noch akkumulierend! Natürlich könnte man diese Kosten durch „Hilfen“ der EU auch selbst übernehmen, also im ersten Jahr 500 Mrd., im zweiten 1000, dann 1500 Mrd.€ etc. pro Fiskal-Jahr. Egal wie man es also dreht und wendet, es ist mit den üblichen Denkmustern und Größenordnungen von Entwicklungspolitik ein definitiv unlösbares Problem.

Die Todesstreifen zwischen der Hölle und der „besseren“ Welt: Sinai (ISR), Griechenland(GR), Ceuta(E), und auch die USA haben dasselbe Problem an der Grenze zu Mexico. Auf Google sind die kritischen Informationen zur Grenzbefestigung der USA sogar künstlich ausgeblendet, um Lateinamerika-Flüchtlingen die Vorab-Erkundung der Grenzbefestigungen zu erschweren. (Quelle: GoogleMaps screenshots)

Lampe duster in Lampedusa 

Was werden „wir“ in Europa also nun tun? Nun, wir werden weiterhin versuchen das Fass von außen abzudichten, und so wenig wie möglich aus den Überdruckventilen abzulassen. Es wird uns etwas Zeit verschaffen, aber die Explosion am Ende wird es nicht verhindern können. Eines der prekärsten Überdruckventile ist natürlich der Sinai. Wenn dieses birst, und zwangsläufig damit auch Israel, dann wird es zappenduster für Europa. Lampe duster, eben.

Mit der Wahrheit des Weltkrieges um die noch vorhandenen Ressourcen, und wem national und international sie gehören sollen, wird man erst viel später herausrücken. So wie einstmals mit Afghanistan. Da war es der etwas schiefgewickelte Graf zu Guttenberg der zur „Überraschung“ der Öffentlichkeit als Verteidigungsminister erstmals äußerte, dass sich die Bundeswehr in Afghanistan im Krieg befände. Ach was, doch keine Friedensmission alla Technisches Hilfswerk? Na sowas. Nun Guttenberg hatte die Eigenschaft manchmal Dinge zu vollziehen, die sonst keiner der politischen und medialen Augenzudrücker sich wagen würde. Das war der Grund, wofür ich ihn damals mochte.

Mal schauen wer sich nun in welche Richtung positionieren wird. Klar, wer die nackten Zahlen auf den Tisch legt, der wird sich keine Freunde machen und schnell als Rassist, oder wenigstens als unmenschlich bezichtigt werden. Tatsächlich befinden wir uns bzgl. des Flüchtlingsproblems aus Afrika aber längst in der Situation, die Militärs mit dem Begriff Triage kennzeichnen: „Wem kann ich helfen? Wer kann sich selbst helfen? Und: Wem ist sowieso nicht mehr zu helfen?“. Wer versucht den letzten beiden Gruppen zu helfen, der wird sich sehr schnell so sehr selbst überfordern, dass am Ende dann wirklich alle Beteiligten zur verlorenen dritten Gruppe gehören.

Klar, in Situationen knappster Resourcen ist nur die erste der drei Gruppe behandelbar. Und so wird man auch in der Lampedusa-Frage weiter verfahren (müssen). Lampe duster in Lampedusa. Nur, wer macht als Erster den Gutenberg und legt die Karten einmal offen auf den Tisch?

Kommentare:

  1. Ein mutiger Artikel der knapp alles nötige sagt. Interessant ist auch dass die "Gutmenschen" zumindest implizit davon ausgehen, dass nur WIR in der Lage sind das Dilemma der Dritten Welt zu lösen, und die Menschen dort offenbar nicht in der Lage sind sich selbst zu helfen (WIR müssen diese Menschen aufnehmen, WIR müssen Geld und Nahrungsmittel senden etc. weil eben nur WIR so leistungsfähig sind). Eine solche Sichtweise würde man einem nicht-"Gutmenschen" bei expliziter Äußerung sofort als Rassismus ankreiden. Ziel kann es doch nur sein dass der Kontinent irgendwann wieder(!) auf eigenen Beinen stehen kann, wer permanent nur gestützt wird leidet bildlich gesprochen irgendwann unter Muskelschwund und verliert die Fähigkeit selbst zu gehen. Wer jetzt die Grenzen noch weiter öffnet importiert schlichtweg die Probleme Afrikas nach Europa, gelöst wird damit nichts. Es entsteht nur neues Konfliktpotential. Die Frage ist doch auch: Was passiert in schlechten Zeiten? Was wenn wir nicht mehr in der Lage sind die wachsende Zahl der Zuwanderer zu beschäftigen oder zumindest mit Harz 4 ruhig zu stellen?

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  2. Sehr geehrter Herr Genreith,

    die Ungleichheit in Afrika nur auf korrupte Führer oder Stammestraditionen zurückzuführen blendet möglicherweise eine Reihe anderer Ursachen aus.
    Für 1 Milliarde Dollar jährlich wird an der Westküste Afrikas Fisch mit Schleppnetzen von Fabrikschiffen gestohlen, afrikanische Forscher sprechen gar von 5 Milliarden, so zumindest ein Bericht von RT aus den letzten Tagen.
    Solch plumpen Diebstahl wird man auch in vielen anderen Bereichen vermuten dürfen.
    Economic Hitmen und die Verschuldungsfallen von Weltbank und IWF.
    Ein neues Kolonialsystem des US-Imperiums, Frankreichs, in abgemilderter Form auch von China und wem sonst noch.
    Aufgezwungene betrügerische Freihandelsverträge, und die exclusive Nutzung von Westgeld, vorzugsweise Dollar, mit immanentem Wohlstandstransfer zu den bevorzugten Banken des Imperuiums.
    Die Lebenserwartung nicht korrupter afrikanischer Politiker (Lumumba) ist gering, es bleiben auch bei gutem Willen nur die Korrupten übrig, die den Konzernen keine Hindernisse in den Weg legen.
    Der geplante Gold Dinar der Teile Afrikas unabhängig gemacht hätte, brachte Ghaddafi, den Nelson Mandela als Helden verehrte, einen furchtbaren Tod.
    Um Afrika kümmern sich viel zu viele (abgrundtief böse) skrupellose, gierige
    selbstsüchtige, betrügerische... Kreaturen, da fallen die afrikanischen Führer meines Erachtens nicht wirklich ins Gewicht.


    mit freundlichen Grüssen
    Thomas Bentele

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