Donnerstag, 13. August 2009

Schönwetter am Prognosehimmel: 0,3%chen


Die neuesten Zahlen des statistischen Bundesamtes suggerieren Aufschwungsgefühle: Um sagenhafte 0,3% legte danach das deutsche BIP gegenüber dem Vorquartal zu. Etwas weiter hinten in der Statistik findet man dagegen den Fakt, dass es gegenüber dem entsprechenden Quartal des Vorjahres ein schnödes Minus von -7,1 % zu verzeichnen gab.

So spreizt man wieder die Ackermannfinger: „Die schwerste Rezession, die Deutschland nach dem Krieg erlebt hat, ist Geschichte: Das Bruttoinlandsprodukt steigt wieder“ schreibt der Focus. „Deutschland spreizt die Finger - zu einem kräftigen "V". Der Buchstabe, so hoffen Unternehmenslenker, Politiker und Beschäftigte, könnte zur Vorlage für den ersehnten Aufschwung werden: einmal kräftig runter, und dann genau so steil wieder rauf...."Wir werden in der zweiten Jahreshälfte eine v-förmige Erholung sehen", sagt etwa Unicredit-Volkswirt Andreas Rees.“

Jedoch sind bereits Wolken in Sicht: „Im Herbst, spätestens im Winter, dürfte es in diesem Szenario so weit sein: Die Firmen bauen Arbeitsplätze ab. ..."Es besteht die Gefahr, dass wir in eine neue Negativspirale geraten", sagt Hinze. Das RWI rechnet mit 4,6 Millionen Arbeitslosen am Jahresende 2010. Zudem laufen im kommenden Jahr große Teile der staatlichen Konjunkturhilfen aus. So verschärft das Ende der Abwrackprämie die Lage in Teilen der Automobilindustrie noch einmal. "Volkswagen wird da Probleme bekommen", erwartet Hinze.“

Zu Recht wendet der Spiegel ein: „Die Zahlen suggerieren zudem nicht nur aus technischer Sicht mehr Sicherheit als real existiert. Denn das Mini-Plus ist derzeit vor allem ein rechnerisches. In seiner Pressemitteilung merkt das Statistische Bundesamt an, dass "die preisbereinigten Importe erheblich stärker zurückgegangen sind als die Exporte". Einer der großen Effekte, der die Bilanz der Bundesrepublik ins Plus gehievt hat, ist somit ein Trugbild: Das Land wirkt reicher, weil es weniger ausgibt.“

Wer schiere Milliarden in Banken und Wirtschaft pumpt, der darf schließlich erwarten, dass diese Subventionen des Steuerzahlers Wirkung zeigen: "Der überraschend starke Aufschwung ist im zweiten Quartal vor allem auf den Boom zurückzuführen, den die Abwrackprämie auf dem Automarkt ausgelöst hat", sagt HWWI-Experte Hinze. ... Die Bundesregierung hat dafür fünf Milliarden Euro bereitgestellt, was 0,25 Prozent des BIP entspricht. ...Hinzu kommt, dass auch andere Konjunkturmaßnahmen wie staatliche Investitionen in den Bausektor zusehends anlaufen..."Das Plus im zweiten Quartal ist maßgeblich durch die Konjunkturprogramme der Regierung bedingt", sagt Hinze. Entsprechend sei mit erheblichen Einbrüchen zu rechnen, wenn die staatlichen Förderungen wieder auslaufen. ..."Einen sich selbst tragenden Aufschwung signalisieren die aktuellen BIP-Zahlen aber definitiv noch nicht."“

Letztlich geht die Kalkulation der Regierung aber, zumindest zeitlich, perfekt auf: „"Nach den Bundestagswahlen werden viele Wahrheiten auf den Tisch kommen, etwa höhere Sozialversicherungsbeiträge und eventuell steigende Steuern", sagte Deka-Analyst Sebastian Wanke kürzlich der Nachrichtenagentur dpa. "Dann werden wir sehen, dass das Vertrauen der Verbraucher nicht mehr trägt."“. Für die Wahl im nächsten Monat jedenfalls wird das Vertrauen mühelos halten.

Zudem kommt das Problem der Kurzarbeit, so sind die “...Lohnstückkosten - also die Lohnkosten im Vergleich zur Produktionsleistung der Beschäftigten - im ersten Quartal 2009 um 8,1 Prozent gestiegen. In der Industrie schwollen sie sogar um 25 Prozent an. Der Druck auf die Firmen, Mitarbeiter zu entlassen, steigt also, da die Kosten aus dem Ruder laufen. "Die Kurzarbeit entwickelt sich für die Unternehmen zu einer immer größeren Belastung - sollten sich die Aufschwungsignale nicht bald deutlich verstärken, dürften die ersten Unternehmen beginnen, Angestellte zu entlassen", sagt Hinze.“

Das kommentiert das Manager-Magazin so: „Es war eine tolle Geschichte, ein schöner Traum. Aber es war eben auch eine große und fatale Illusion. Die Weltwirtschaft sei auf dem besten aller Wege - das war in den vergangenen Jahren die Mehrheitsmeinung unter Managern und Unternehmern, unter Bankern und Ökonomen....Wir haben im manager magazin immer wieder gegen diese Illusion von Hurra-Kapitalismus angeschrieben. In vielen Artikeln und Kommentaren seit der Jahrtausendwende haben wir auf die Risiken hingewiesen: zu hohe Verschuldung, zu stark steigende Häuserpreise, zu niedrige Notenbankzinsen, zu große globale Ungleichgewichte. Zu lange ist die Welt mit Vollgas in die falsche Richtung gefahren. Deshalb erleben wir derzeit keine normale Rezession, sondern eine Jahrhundertkrise.“

Das die Börsen und der Finanzsektor nun längst wieder zu alter, verheerender, Dynamik aufgebrochen sind, gibt kein Wunder. Denn den Preis dafür hat die deutsche Mittelklasse bereits auf dem Deckel stehen, aber noch lange nicht bezahlt: „Und da ist zweitens die Staatsverschuldung. Eine wenig dynamische Volkswirtschaft kann nicht so leicht aus ihren Schulden herauswachsen.... Im Gegenteil, die fiskalische Lage dürfte sich weiter zuspitzen: Die in der Krise rapide gestiegenen Schulden drücken. Hohe Arbeitslosenzahlen und eine schwache Lohnentwicklung vermindern die Einnahmen und erhöhen die Ausgaben. Die möglichen Auswege sind allesamt holprig: Steuererhöhungen? Schwächen das Wachstum noch weiter. Ausgabenkürzungen? Sind politisch schwer durchsetzbar. Inflation? Gefährdet das Vertrauen ins Geld und in die Institutionen. Eine Kombination aus den drei Optionen? Keine unrealistische Erwartung.“

Realistisch ist: Die angehäuften gigantischen Staatsschulden, die lediglich dazu dienten gewaltige Abschreibungen bei den Finanzjongleuren zu verhindern, sind definitiv nicht zurück zahlbar. Im Gegenteil, sie werden mit Zins uns Zinseszins bis ins Infernalische anwachsen.

So stellt das Manager-Magazin weiter im Artikel „Die staatliche Blase“ fest: „Der Staat hat's gegeben, der Staat wird's nehmen. Vermutlich. Denn eben der Staat hat der Wirtschaft mit einer enormen Geldschwemme geholfen - und droht genau damit die nächste Blase zum Bersten zu bringen.“

Denn des einen Freud, ist des Anderen Leid: „Kurzer Rückblick: Seit März legen die Börsen zu. ..Vor allem die Regierungen und Zentralbanken der Welt sorgten dafür, dass sich ein steter Strom aus Abwrackprämien, Bankenstützungen oder Konjunkturprogrammen und natürlich günstigen Zinsen der Zentralbanken über Banken und Wirtschaft ergoss. Viel Geld floss und fließt auch in Aktien. ...Joachim Goldberg, Geschäftsführer von Cognitrend, spricht lieber von der "Hausse, die niemand versteht. Sie hat wenig Bezug zur ökonomischen Realität." Unter dem Strich zählt für viele Profianleger nur die Tatsache, dass die Kurse tatsächlich nachhaltig steigen.....Die Liquidität fließt nicht in Maschinen, sondern in Aktien. Dort droht also die Inflation", schlussfolgert Goldberg. .... Und wird übrigens von der konventionellen Inflationsmessung gar nicht erfasst.“

Und somit ist die nächste Blase natürlich bereits im Gange: “ Vom Markt als "Luftpumpe" spricht Goldberg. Droht, um im Bild zu bleiben, nach nur wenigen Pumpstößen das Platzen der nächsten Blase? "Ja, mit Sicherheit irgendwann in der Zukunft", nickt Becker. "Aber wie lange dauert das! Wir sprachen 2005 zum ersten Mal über die Immobilienblase - es dauerte also noch drei Jahre. ..."Die Blase wird platzen, wenn die Notenbanken das Geld vom Markt abziehen."“


Warum dies alles so dunkel aussieht, dass erklärt am besten wieder ein Blick in die Geschichte: “In einem Landhotel in Neuengland stampften 1944 die klügsten Ökonomen ihrer Zeit eine internationale Währungsordnung aus dem Boden. Jahrzehnte brachte das Arrangement von Bretton Woods der Welt Stabilität - bis Zocker die Regie übernahmen.“

Kurz vor dem absehbaren Ende des Zweiten Weltkrieges wurde dort, in weiser Voraussicht, ein neues Währungssystem vorbereitet, dass die Urkatastrophe mit dem Ersten Weltkrieg in Zukunft vermeiden sollte: “Der US-Dollar wurde die Leitwährung des Systems, alle Devisentransaktionen richteten sich nach dem Austauschverhältnis der einzelnen Währungen zum Dollar. Und: Die Amerikaner verpflichteten sich, die Dollar-Reserven jedes Landes gegen Gold einzutauschen, zum festen Kurs von einer Unze Gold für 35 Dollar.“

Aber das neue System litt unter mangelhafter Flexibilität: „Bretton Woods litt darunter, dass es nicht elastisch genug war, um auf eine sich rasch verändernde und wachsende Weltwirtschaft zu reagieren. Je mehr die nationalen Volkswirtschaften zu einem einzigen großen Markt zusammenwuchsen, umso schwerer war es, die grenzüberschreitenden Kapitalbewegungen zu kontrollieren. In dem Maße, wie sich die Wirtschaft und der Geldwert in den einzelnen Ländern unterschiedlich entwickelten, hätten sich die Preise (oder: Kurse) für die einzelnen Währungen verändern müssen. Doch dieser Mechanismus funktionierte nicht.“

Was nun kommen musste, daran hatten gerade wir Deutschen eine erhebliche Beteiligung: „Symptomatisch war das Verhalten der Deutschen. Ende der Sechziger wäre eine Aufwertung der Mark zwingend gewesen. Doch die Unternehmerlobby stemmte sich mit aller Gewalt gegen das ökonomisch Gebotene. Eine Aufwertung hätte ihre Produkte im Ausland verteuert und womöglich zu weniger Exporten geführt. So wurde die Währungspolitik, ein eher sperriges Sujet, zum Top-Thema im Wahlkampf 1969. Der Sozialdemokrat Karl Schiller, Wirtschaftsminister der damaligen Großen Koalition, focht für die Aufwertung. Franz Josef Strauß, sein Finanzminister-Kollege von der CSU, und die gesamte Union waren dagegen. Erst mit der Bildung der SPD-FDP-Koalition im Herbst 1969 wurde dann die Mark - zum zweiten Mal nach 1961 - aufgewertet, um 8,5 Prozent.“

Der nächste Sargnagel war dann, man ahnt es, ein weiterer Krieg und die USA an vorderster Front: „Im Vietnam-Krieg warfen die Amerikaner ihre Gelddruckmaschinen an, um alle Auslandsrechnungen bezahlen zu können. Die Welt wurde mit Dollar regelrecht überschwemmt. Für Deutschland bedeutete das: Die Bundesbank musste Unmengen von Dollar ankaufen. Die wurden in Mark umgetauscht und erhöhten im Inland die Geldmenge. Man klagte über die "importierte Inflation".“

Man musste in dieser Situation reagieren, wollte man nicht selbst für diese Kosten aufkommen, und in einer ganz ähnlichen Situation befindet sich zur Zeit China: „Diese Dollar-Flut machte schließlich Anfang der siebziger Jahre Bretton Woods den Garaus. Deutschlands Wirtschaftsminister Schiller legte den Hebel um. Im Mai 1971 gab er den Wechselkurs der Mark frei und löste damit, wie der damalige Spitzenbeamte und spätere Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl schreibt, "ein kleines internationales Erdbeben aus".“

Die Folge war der definitive Knock-Out des alten Systems. Die Goldbindung verschwand endgültig, Devisen konnten ab nun frei floaten und die Gelddeckung wurde allein die Sache von Schuldtiteln jeglicher Art.

Damit nicht genug, es setzte ein Wettlauf der Deregulierung ein, um die „scheuen Rehe“ nicht zu verscheuchen: “Jene Regierungen, die den bei ihnen ansässigen Geldinstituten die geringsten Auflagen machten, konnten darauf zählen, dass sich bei ihnen die meisten Geldhändler niederließen. London stieg mit dieser Standortstrategie zum globalen Finanzzentrum auf. Der ökonomische Ultraliberalismus im Geiste Milton Friedmans hatte gesiegt - und er verwandelte die Welt in ein globales Casino....Sie betrieb und betreibt ihre Geschäfte im rechts- und kontrollfreien Raum über die Grenzen hinweg. Es sind Geschäfte, die sich zunehmend von der sogenannten Realwirtschaft abgekoppelt haben, längst nicht mehr mit dem Handel mit Gütern und dem Verkauf von Dienstleistungen verknüpft sind.“

Denn von nun an war es tatsächlich nicht mehr notwendig, irgendwelche realen Gegenwerte für Vermögen zu schaffen, das Errichten von Schuldtiteln reicht nun völlig aus: “Doch die Freiheit setzt nicht nur Kräfte frei, sie hat ihren Preis: Das Finanzsystem wurde immer krisenanfälliger. Ein Crash jagte den nächsten....Rund um den Erdball mussten nun die Regierungen mit unfassbaren Beträgen an (gepumptem) Staatsgeld einspringen, um den finalen Crash des Bankensystems gerade noch abzuwenden; jene Regierungen, deren Auflagen und Kontrollen die Bankenwelt viele Jahre lang für hinderlich und unnötig erklärt hatte, mussten nun die hilflosen Banker heraushauen.... Marktversagen oder Staatsversagen? Unzweifelhaft ist, dass der Prozess der Deregulierun... gnadenlos überdehnt wurde. Den Akteuren auf den Finanzmärkten waren immer mehr Freiheiten zugestanden worden, Kredite zu schöpfen, die Risiken über die ganze Welt zu verstreuen, nicht mehr kontrollierbar. Der marktwirtschaftliche Grundsatz, dass der Kaufmann für die Folgen seines Tuns haften muss, war für die Finanzwelt weitestgehend abgeschafft. Das konnte nicht gutgehen.“

Optimistisch träumt mancher aber vom baldigen Ende des Dilemmas, ohne das dafür wirklich Anlass bestünde: „Wenn die große Krise überwunden ist, wenn die Real- und die Kreditwirtschaft wieder einigermaßen ins Laufen kommen - dann stehen neue Probleme an: Die enormen Staatsschulden müssen abgetragen, das gewaltige Defizit in der amerikanischen Leistungsbilanz muss zurückgefahren werden. Womöglich wird mit der Staatsverschuldung, in die sich nun viele Länder gestürzt haben, der Grundstein gelegt für die nächste große Krise..... Die Krisen werden häufiger, sie werden unvorhersehbarer, und sie werden kräftiger werden."

Nur einschneidende Maßnahmen könnten zumindest eine mittelfristige Entspannung verschaffen: „Der Härtetest jedoch, die detaillierte Ausarbeitung neuer Regeln, steht noch bevor. Wird es wirklich zu einer "neuen globalen Finanzarchitektur" kommen, wie Kanzlerin Angela Merkel fordert? Wird das globale Casino geschlossen - oder werden nur kosmetische Korrekturen vorgenommen?“. Die Erfahrung, leider, zeigt, dass es meist bei Kosmetik bleibt. Denn passiert ist bisher nichts dergleichen außer Absichtserklärungen, ganz im Gegenteil wurden die Bilanzierungsregeln der Finanzinstitute bis ins lächerliche weiter herunter dereguliert damit Bankrotte nicht mehr so schnell ersichtlich werden.

Nun gut, nach dem letzten Umfragewerten zu urteilen, braucht man sich über den Ausgang der nächsten Wahl keine großen Gedanken mehr zu machen: Die Fraktion der Deregulierer und Verehrer der scheuen Rehe werden weiter die Oberhand behalten, ja noch ausbauen. Für eine echte Politikwende ist es schlicht noch zu früh. Erst wenn die Krise im Zentrum der Gesellschaft, dem Mittelstand, schwere Breschen schlägt, dann wird es zu einem effizienten Druck auf die Politik kommen. Denn nach Schönwetter kommen leicht wieder bedrohliche Wolken, wenn nicht ein deftiges Gewitter. Wenn es dann nur nicht zu spät ist für die angeschlagene Demokratie.

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