Freitag, 18. Dezember 2009

Alexander oder Was läuft schief am Hindukusch?


Das Perserreich war zu Alexanders Zeit die größte Territorialmacht der Erde. Als der Makedonier Alexander der Große 334 v. Chr. dem Perserreich gegenüber stand, wurde dieses von Dareios III beherrscht. Plutarch zufolge war das persische Heer 600.000 Mann stark; Althistoriker dagegen schätzten die Zahl der Perser auf höchstens 100.000 und die Stärke des makedonischen Heeres Alexanders auf maximal 30.000 Mann. In der Schlacht bei Issos 333 v. Chr. trafen die Armeen im Kampf aufeinander.

Alexander machte nun etwas sehr ungewöhnliches. Statt sich der Schlacht in voller Breite zu stellen, startete er einen gezielten Angriff auf den Anführer König Darieos persönlich. Dareios aber nahm den Kampf nicht an und floh. Die eigentlich überlegene Streitmacht war demoralisiert. Am 1. Oktober 331 v.Chr., kam es zum zweiten großen Kampf bei Gaugamela. Wieder war das Heer des Dareios an Zahl weit überlegen, aber wiederum siegte Alexander. Unter Anwendung der gleichen Taktik ergriff Dareios erneut die Flucht. Damit war der persische Widerstand endgültig gebrochen. Der feige Anführer hatte jede Reputation verloren. Er floh zu einem weitläufig Verwandten, den Satrapen Bessos, dieser jedoch tötete ihn im Jahre 330 v.Chr. in der Hoffnung damit dem Zugriff Alexanders zu entgehen.

Nun, was hat diese kleine Geschichte mit der Bundeswehr am Hindukusch zu tun? Zunächst mal nur wegen einer an und für sich alten Kriegstaktik: Wenn du den Gegner besiegen möchtest, so ist es ganz besonders effektiv gezielt deren Köpfe zu eliminieren, statt sich in voller Breite den gegnerischen Truppen zu stellen. Und da kommen wir zur Bundeswehr, die jüngst zwei Tanklaster in die Luft jagte, unweit der Gegend wo vor 2339 Jahren Dareios der III massakriert wurde, und dabei unschönerweise auch noch 140 Kollateraltote hinterließ.

Denn Abseits der Frage wer wann, wo und was vom Angriff gewusst oder informiert hatte gerät die Kernfrage in den Hintergrund: Darf die Bundeswehr sich an so genannten „Gezielten Tötungen“ beteiligen? Denn genau diese Taktik, die von den Israelis schon seit Jahrzehnten bevorzugt und von den Amerikanern mit ihren Hightechwaffen perfektioniert wurde, führte hier zu diesen enormen Verlusten unter afghanischen Zivilisten.

Gezielte Tötungen, das heißt nichts anderes als das man mit Präzisionswaffen aus sicherer Entfernung auf mutmaßliche Anführer der gegnerischen Kombattanten zielt. Meist geschieht dies aus Flugzeugen, Hubschraubern oder ferngesteuerten Drohnen, denen der technisch hoffnungslos unterlegene Gegner nichts anhaben kann. Der Euphemismus „gezielt“ und „Präzisionswaffen“ täuscht hingegen über die Realität weg. Denn es handelt sich nicht um ein 5,6 mm Projektil das einem Talibanführer sein Kleinhirn wegbläst, sondern um formidable Bomben die eine riesige Verwüstung hinterlassen. Zivile Opfer sind dabei kaum vermeidbar, insbesondere in eng bewohnten Gebieten wie dem Gazastreifen, wo israelische Tötungsaktionen regelmäßig auch tote Kinder am Tatort hinterlassen.

Um es klar zu sagen: Keine Kriegspartei hat sich je wirklich um zivile Opfer geschert, und die Taliban tun es erst recht nicht. In einer offenen demokratischen Gesellschaft aber sieht das anders aus, da muss man sich moralisch-ethischen Fragen stellen. Und letztlich damit auch den juristischen Fragen, die genau die Einhaltung dieser Grundsätze dienen sollen. War das jüngste Verhalten der Bundeswehr in Kunduz also nun durch ein Mandat gedeckt oder nicht?

Die juristische Frage ließe sich mit einigem guten Willen leicht klären, die moralisch-ethische dagegen kaum. Sollen sich die Soldaten dem tapferem Kampf Mann gegen Mann stellen, oder aus sicherer Entfernung ihre Erfolge erzielen? Mit dem Unterschied das erstere Taktik viele eigene, zweite Taktik dagegen viele unbeteiligte Verluste erzeugt. Aus einem warmen Philosophensessel bei einem Glas Rotwein gesprochen kommt man naturgemäß zu anderen Überzeugungen, als der Soldat der an der Front steht und um seine körperliche Unversehrtheit fürchten muss. Für Letzteren ist die zweite Taktik nämlich klar attraktiver einzustufen.

Unfähig die moralisch-ethische Frage abschließend zu klären, kommen wir dann doch lieber wieder zum oberflächlichen Informationsdesaster. Positiv zu deuten ist jedenfalls der Effekt, das durch das jüngste Drama die ehrliche Vokabel Krieg den Mythos des Brunnen grabenden Samariters in Bundeswehruniform ablöst. Die Bundeswehr befindet sich im Krieg, und zudem noch in einem ziemlich sicher verlorenen Krieg. Das muss man beim Namen nennen. Und Krieg ist nun mal eine ziemliche Sauerei, so oder so.

Und überhaupt, die Wahrheit mit der man sich so schwer tut, sie ist immer das erste Opfer eines jeden Krieges. Ziemlich erstaunlich fand ich es, als kurz nach dem Desaster behauptet wurde, die rund 150 Tote wären wohl fast alles Taliban gewesen. Jeder, der schon mal einen Tanklaster gesehen hat, weiß aber, dass die beiden Führerhäuser nur je drei Sitzplätze haben, ergo maximal 6 Taliban. Und da sollen nun 150 Taliban mit Waffen drin gesessen haben? Oder sich zusätzlich noch rund 70 Taliban auf jedem der beiden Tanks oben drauf fest geklammert haben? Wo die doch die Wirksamkeit amerikanischer Drohnen bestens kennen und sicherlich bessere Methoden zum Selbstmord bevorzugen?

Jedem musste klar sein, dass dies nicht stimmen konnte. Was ein Augenzeuge im Spiegel berichtet, bestätigt was man längst ahnen konnte: Die Toten sind im wesentlichen Dorfbewohner die Sprit klauen wollten, und möglicherweise kein einziger echter Taliban, und schon gar nicht die anvisierten Taliban-Führungspersönlichkeiten. Denn die kennen die Gefahren aus Erfahrung sehr genau und haben sich entsprechend rechtzeitig vom Acker gemacht.

Wie soll es nun weiter gehen am Hindukusch? Man wird den zivilen Opfern bei Kunduz eine Abfindung zahlen, immerhin ein gewaltiger Unterschied zu anderen Kriegsparteien. Zwar macht das kein Kind, Frau oder Gatten wieder lebendig, aber es ist mehr als die sonst übliche Ignoranz und Verweigerung. Das ist schon mal was. Aber auch die Bundeswehr hat Gefallene. Deren Witwen und Waisen erhalten zwar etwas mehr auf die Hand, aber die öffentliche Ignoranz diesem Problem gegenüber schmerzt die Hinterbliebenen vielleicht noch mehr. Auch diesen Opfern gebührt mehr ehrliche Aufmerksamkeit.

Letztendlich aber dürften mittelfristig alle Opfer vergebens bleiben, denn die Erfahrung mit solchen Bürgerkriegen zeigt, dass sie für die extern eingreifenden Mächte nicht zu gewinnen sind. Denn dafür müsste man den Einsatz dort glatt verzehnfachen um eine realistische Chance zu haben. Das ist aber weder bezahlbar noch wünschenswert. Man muss sich klar sein, dass man einer mittelalterlichen Stammesgesellschaft keine moderne Demokratie aufzwingen kann. Auch dieses Ideal liegt gleich im Nachbargrab neben der Wahrheit.

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