Mittwoch, 16. Mai 2012

Futurologie: Doomsday's rising (I)


Die Wahlen der letzten Wochen haben eines gezeigt: Die arbeitende Bevölkerung ist in Europa nicht mehr so selbstverständlich bereit, sich für Schulden und Vermögen anderer Leute tot sparen zu lassen. Natürlich haben sie alle Recht damit, auch wenn den wenigsten wohl klar ist, warum. Frankreich hat gewählt, Sieger waren die Rechten unter Marine Le Pen die fast an die 20% Marke kam, was allerdings nicht zur Stichwahl reichte, die dann der Sozialist Hollande locker gegen Sarkozy gewann.

Hollande hat schon angekündigt, dass er nicht gedenkt, weiter nach Merkels Pfeife zu tanzen:Beim Abschreiten der Ehrenformation - gleich nachdem der neue französische Präsident am Berliner Kanzleramt angekommen ist - fängt die Kanzlerin schon an, ihn herumzudirigieren: Leicht, aber resolut schubst sie ihn zur Seite, weil sie laut Protokoll an der Außenseite des roten Teppichs laufen muss, er das aber nicht weiß - und erst keinen Platz macht...“. Naja, dann schaunmermal. In Griechenland kam es für die Europafans allerdings noch dicker, Griechenland ist nach dem Wahlergebnis praktisch aus dem Euro raus, denn lediglich die alte Nea Demokratia ist noch auf Kurs, Pasok humpelt, und die breite Mehrheit hat ganz links und ganz rechts gewählt. Keiner bekommt eine tragfähige Mehrheit zustande, und schon steht die nächste Neuwahl an. Das Ergebnis kann man sich in Brüssel ohne viel Phantasie schon ausmalen. Der BIP-totspar-Kurs ist megaout, und mittelfristig keine Chance mehr auf die Durchsetzung des Merkel EU-Plans der allgemeinen Austerität.

Den Griechen ist zu wünschen dass sie es schaffen sämtliche Altschulden loszuwerden, und per neuer Drachme, und zweifellos notwendigen Strukturreformen, wieder schnell auf die Beine zu kommen. Mit den Altschulden, egal ob mit oder ohne EU, ist das unmöglich. Natürlich wusste man das auch schon 2009, sofern man nur ein bisschen bei Prozentrechnung aufgepasst hatte. Trotzdem hat man hier schon ungeheures Geld versenkt. Welches aber ausschließlich bei den Banken angekommen ist, weit ab der schaffenden Basis. Mit dem anstehenden finalen Kollaps kommen dann noch mal „ungeahnte“ Summen auf EZB und Bundesrepublik zu und das ist noch lange nicht das letzte Säckel was uns da entgegen rollt.

Um das so wichtige „Vertrauen“ der Investoren nicht zu verlieren, wird man alle Kosten wieder großzügig sozialisieren müssen, via EFSF, ESM, EZB und endlich Bundeshaushalt. Aber wie immer wird es nicht reichen, denn dadurch werden die Probleme noch unlösbarer, ein Loch wird mit dem nächsten gestopft, und das übernächste reißt gleich wieder auf: Spanien, Italien, Portugal, um nur die bekanntesten zu nennen, denn außer in BRD, Niederlande und Finnland ist kein Land mehr in Sicht. Und diese letzten Mohikaner müssen sukzessive immer mehr schultern, bis sie denn auch kollabieren.

Das ganze ist unvermeidbar, weil die Mehrzahl der Ökonomen es bis heute ablehnt, alle privaten Vermögen und Schulden mit ins Kalkül zu ziehen. Und sich deshalb wundern, warum Spanien mit seiner eigentlich geringen Staatsverschuldung, mit um die 68% noch deutlich unterhalb der BRD, dem Kollaps nahe ist, während sich Länder wie Japan selbst mit 200% Staatsverschuldung gemessen am BIP so grade noch durchwursteln. Der Grund ist simpel, es kommt eben nicht alleine auf die öffentlichen Schulden an sondern auf die Gesamtsumme aller öffentlicher plus aller privater Schulden (sprich Vermögen). Und da sieht es inzwischen bei allen westlichen Ländern bitter dunkel aus. Mit Umschuldungen egal wie, lässt sich das nun mal nicht beheben, nur verschlimmern, wenn man aus privaten öffentliche Schulden macht.

Auch das war in 2009 schon leicht vorhersagbar. Genauso wie die nun überall aufkeimende politische Unruhe und Verwerfungen, denn die Schuldenkrise ist eben eine Verteilungskrise. Denn Geld, egal wann und wie es geschaffen wurde, ist immer Schuld eines anderen in gleicher Höhe, und es ist nichts anderes als ein staatlich verbürgter Gutschein auf aktuelles(!) BIP. Es ist wie bei einem Schnellrestaurant, bei dem der Chef in der Vergangenheit viel zu viele Gutscheine ohne Verfallsdatum an seine guten Freunde verteilt hat. Irgendwann stehen viel mehr Gutscheinbesitzer vor der Tür als man innen drin an Buletten schaffen kann und der Laden macht dann zwangsweise pleite. Es sei denn, man widerruft rechtzeitig die Gutscheine und verweigert die weitere Annahme. Oder man versucht die Belegschaft zu unbezahlten Überstunden ohne Ende und Bezahlung zu „überreden“. So einfach, und so brutal, ist das. Und die Austeritätspolitiker in der EU haben sich selbstredend für die zweite Möglichkeit entschieden, weil ihnen die Gutscheinbesitzer mehr am Herzen zu liegen scheinen, als ihre eigene Belegschaft. Die Völker der EU aber zeigen sich zunehmend „uneinsichtig“ für die „Notwendigkeit“ die Gutscheinbesitzer und dicken Freunde des Chefs zufrieden zu stellen.

In der EU versucht man nun händeringend den GAU-Fall zu vermeiden. Zwar wird jetzt mit den Folterwerkzeugen gedroht, und auch der EURO-Austritt in Erwägung gezogen, aber da müssen wir erst mal sehen. Letztlich ist man in Brüssel sicher bereit, zur Rettung des status quo, am Ende alle Schulden und weiteren Kosten in nicht endend wollender Höhe aus Griechenland den anderen EU Bürgern anzudienen, denn ein tatsächliches Ausscheiden setzt mittelfristig eine Lawine in Gang. Die nächsten Pleitekandidaten werden, und gar nicht zu Unrecht, die gleichen Privilegien fordern. Nämlich ebenfalls relativ schadlos aus der Renditensklaverei ausscheiden zu dürfen. Das Ende des Euros ist dann schnell unabwendbar, und die ganze EU steht in der Tat dann auf der Kippe. Denn die Verheerungen des Euro-Desasters fallen auf alle EU-Institutionen zurück, und das zunehmend böse Blut zwischen den Nationalstaaten wird sich nicht mehr einfach wegwischen lassen.

Von den Sprüchen, dass keine EURO Land ernsthaft in Pleitegefahr wäre bis zum tatsächlichen Bankrott Griechenlands vergingen keine zwei Jahre. Bis zum Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro wird wahrscheinlich weniger Zeit sein. Und danach wird es auch nicht vielmehr als zwei zusätzliche Jahre dauern, bis die Eurozone als ganzes am Ende ist. Und damit eines der dümmsten Politexperimente der europäischen Geschichte.

Kommentare:

  1. Sehr geehrter Herr Genreith,

    Ihrer Analyse des Gutschein Ponzi Schemes kann ich noch etwas abgewinnen aber Ihre Konklusion in Form von: "Und danach wird es auch nicht vielmehr als zwei zusätzliche Jahre dauern, bis die Eurozone als ganzes am Ende ist. Und damit eines der dümmsten Politexperimente der europäischen Geschichte." geht an der wirklichen Ursache vorbei. Denn jede Politik muss am Ende dumm aussehen, wenn sie eine Illusion naehrt, die die Wahrheit verschleiert. Wir leben nicht in einer funktionierenden Demokratie, in der mehrheitliche Interessen von gewaehlten Volksvertretern in Gesetze und Regierungshandlungen umgesetzt werden. Wir leben in einer Scheindemokratie oder besser gesagt in einer Plutokratie und das seit Gruendung der BRD. Auch die Weimarer Republik wurde von den antidemokratischen Kraeften des Fettaugensyndroms aus den Angeln gehoben. Und die BRD ist seit ihrer Gruendung Naehrboden fuer dieses Fettaugensyndrom. Wie erklaeren Sie sich dass Art14 Abs. 2 bis heute keine nachfolgende Gesetzgebung erfahren hat, die die Sozialpflichtigkeit des Eigentums vor deutschen Gerichten effektiv einklagbar macht? Wie erklaeren Sie sich, dass bis heute, also knapp fuenf Jahre nach Beginn der Krise die "Besten der Besten" keine zutreffende und ueberzeugende Analyse der Ursachen vorlegen koennen? Wie erklaeren Sie sich den absurden Streit darueber ob Sparen oder mehr Schulden machen die Loesung sei? Meinen Hinweis bei der Suche nach Antworten auf diese Fragen finden Sie u.a. hier:
    http://fettaugensyndrom.blogspot.com/
    MfG, Georg Trappe
    P.S.: Ein friedliches, prosperierendes Europa indem die Menschen frei reisen, sich ueber ihre kulturelle Vielfalt austauschen und miteinander wirtschaften koennen ist kein dummes Politexperiment! Es tut weh soetwas zu lesen und zu sehen, das selbst intelligente Menschen wie sie, auf die Demagogie derer herein fallen, die auch die Weimarer Republik zum Opfer ihrer Interessen gemacht haben und so schon einmal Europa in Schutt und Asche gelegt haben.

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  2. Hallo Hr. Trappe,

    mit dem "dümmstem Politexperiment" meine ich natürlich nur das EURO-Experiment und keineswegs ein einiges Europa. Letzteres ist unabdingbar für Europa, dass in der Geschichte fast mehr Kriegs- als Friedenszeiten kannte. Aber mit dem "dümmsten Politexperiment" aller zeiten sprengt man natürlich auch das einieg Friedenseuropa, und dadurch ist es nicht nur das "dümmste", sondern sogar das "saudümmste" Politexperiment der europäischen Geschichte.

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    1. Ganz aktuell schließe ich mich der Auffassung von Simon Dixon an, ein wirklich überzeugender Redner:

      Die Politiker haben zwischenzeitlich keine Wahl mehr, retten sie nicht, was kapitalistisch korrekt wäre, fallen wir in eine fürchterliche Depression. Den Vermögenden das Geld abzuknöpfen ist de facto auch nicht realisierbar, zumindest nicht im erforderlichen Umfang.

      Das Kettenbriefsystem ist viel zu weit fortgeschritten, es gibt keine Lösung mehr ohne Katastrophe, das Spiel ist schon verloren.

      Das Schlimme ist, dass Ponzi-Schemata zu Beginn wunderbar funktionieren und während des Verlaufes alle daran glauben, und am Ende ist es eben zu spät. So werden wir nach dem Zusammenbruch ein neues Pyramidenspiel beginnen ...

      Simon Dixon sagt es ganz deutlich, es ist ein vom Menschen erfundenes, absolut perverses System, dass Geld Schulden sind, das durch private Banken geschaffen wird. Das muss nicht so sein und darf auch nicht so sein! Denn geht die private Bank pleite, vernichtet sie "unser" Geld. Sie darf daher nicht pleite gehen! Aber die ganze Welt hat dieses absolut blödsinnige und perverse System kopiert! Man könnte wirklich verzweifeln.

      Wer englisch beherrscht, hier ein phantastisch engaierter Vortrag von Simon Dixon, eine Stunde, die sich wirklich lohnt:

      https://www.youtube.com/watch?v=NJd0jd0PIWk

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    2. Yep, genauso ist es. Es ist ein Pyramidensystem, das etwa zwei Generationen bis zum Maximum, und dann eine Generation bis zum Weltkrieg braucht. Das lässt sich auch historisch mit bester Regelmäßigkeit belegen.

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  3. Das Fettaugensybdrom hat seine Ursache aber nicht in einer einheitlichen Waehrung fuer europaeische Laender sondern wirkt universal. Auch die USA sind vom Fettaugensyndrom und seinen Folgen befallen. Und viele andere Volkswirtschaften, wenn nicht alle, auch. Das hat mit dem Euro nur in soweit etwas zu tun, dass der Euro auch eine Waehrung ist, die auf dem selben Bank- und Geldwesen fusst, wie die anderen Waehrungen auch.
    Getrennte Waehrungen in Europa mildern vieleicht die Symptome des Fettaugensyndroms, aber sie beheben sie nicht. Die schwachsinnige amerikanische Argumentation, dass China durch die Bindung des Yuan an den Dollar die exzessiven Handelsdefizite verursache, ist alleine dadurch wiederlegt, das die USA mit weit ueber 80 weiteren Laendern Handelsdefizite "pflegt", von denen die meisten "floatende" Waehrungen haben. Die USA sind das globale Griechenland. Das Fettaugensyndrom fuehrt auf globaler Ebene zu Exportweltmeistern und degenerierten Volkswirtschaften, deren realwirtschaftliche Zweige im wesentlichen aus "Dienstleistungen" bestehen. Das Ursachenbuendel was dahinter steckt sieht meiner Meinung nach so aus:
    http://troikaneoliberaledenkfehler.blogspot.com/
    und das Fettaugensyndrom ist dabei die mit Abstand maechtigste Kraft. Das loesen Sie nicht mit getrennten Waehrungen, weder in Europa noch sonstwo.
    Viele Gruesse
    Georg Trappe
    P.S.: Warum hat ein Herr Schacht wohl die Nuenrnberger Prozesse ueberlebt und ist relativ ungestreift aus dem Desaster hervor gegangen?

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  4. Absolut korrekt, das „Fettaugensyndrom“ ist universal. Das „EURO-Syndrom“ verschärft die Lage nur insofern, als das die einzelnen, sehr unterschiedlichen, EU-Ökonomien nicht mehr dediziert auf die Lage reagieren können. Und dazu gehören natürlich so Dinge wie die, die Hr. Schacht vertrat: „Schacht befürwortete ähnlich wie John Maynard Keynes eine kontrollierte Geldschöpfung durch die Notenbank, um deflationäre Tendenzen zu bekämpfen und Arbeitsprogramme zu finanzieren.“ (Wp.).

    Die Kuh vom Eis bekommt man tatsächlich nur durch massive Vermögensvernichtung, und zwar um wenigstens 50%, was allerdings noch nicht mal langfristig wirkt, sondern dafür braucht man sogar 90%. Zur Erhaltung der Vermögen ist den „oberen Zehntausend“ jedoch jedes Mittel recht, selbst der Weltkrieg.

    Der stochastische Ansatz des „Fettaugensyndrom“ ist wirklich interessant, er liefert exakt die selbe Zeitschiene wie die analytische Lösung. Ich würde vorschlagen dass sie einen Artikel dazu in der RWER machen. (Beispiel: http://www.paecon.net/PAEReview/issue57/PeetzGenreith57.pdf ). Das ist die Gruppe um Steve Keen und Dirk Bezemer, zu dem ich auch guten Kontakt pflege. Man muss dass ganze nur noch in eine „glatte“ Form bringen.

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  5. Hm, da ging ein weiterer Kommentar von mir zu frueh und unfertig raus. Ich hoffe er ist nicht verloren. Waere schoen wenn Sie ihn freischalten koennten und ich dann so die Fortsetzung anfuegen kann.
    Sorry
    Georg Trappe

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  6. Tja, da ging wohl mein Kommentar ins Nirvana. Also hier mein zweiter Anlauf:
    Die Loesung liegt tatsaechlich in einer Reduzierung /Fixierung der Ungleichverteilung auf einem niedrigeren Niveau. Das groesser und fetter immer besser ist, ist etwas fuer die neoliberalen Burgerkingmuftis, die ihre Sachen nicht zu Ende denken. Wenn man diese Master Reset Crashes vermeiden will, dann kommt man um eine Begrenzung der Eigentumsakkumulation nicht herum. Ob das nun in die Ideologie passt oder nicht, es ist so.
    Auf globaler Ebene sind die USA das grosse Griechenland, gepraegt von exzessiver Geldschoepfung durch das Bankensystem in Leitwaehrung und eine dadurch vollkommen degenerierte Realwirtschaft die nicht nur abhaengig von Exportweltmeistern wie Japan, Korea, China ist sondern auch von den Exporten ueber 80 weiterer Staaten, die Leitwaehrung akzeptieren (muessen).
    -
    Also Waehrungsumstellungen, floatende Waehrungen uebertuenchen nur die wirklichen Ursachen. Kaschieren die Symptome, aber packen das Uebel nicht an der Wurzel.
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    Vielen Dank fuer die Anregung einen Aufsatz auf RWER zu veroeffentlichen. Ich werde mal darueber nachdenken. Vielleicht koennten wir ja was zusammen machen. Wenn es Sie interessiert, wie ich die Dinge sehe, hier noch ein neuer Artikel, der es hoffentlich verdeutlicht.
    http://georgtsapereaude.blogspot.com/2012/05/wirtschaft-eine-dissipative-struktur_19.html
    Viele Gruesse
    Georg Trappe
    P.S.: Und was ich von den 1% und ihren Dienstleistern halte koennen Sie hier nachlesen, wenn Sie moechten:
    http://georgtsapereaude.blogspot.com/2012/05/das-desaster-nimmt-seinen.html

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