Donnerstag, 2. Oktober 2014

GASTBEITRAG

Thomas Freud: Kreditgeschäft bei Banken weiterhin rückläufig


Bei den meisten Bankinstituten ist das Kreditgeschäft rückläufig. Statt einen Kredit bei einer Bank zu nehmen, greifen große und kleine Unternehmen derzeit lieber auf andere Formen der Finanzierung zurück.

Mittelstand nutzt lieber Eigenkapital statt Fremdfinanzierung

Nach der Finanzkrise wurde lange Zeit das Schreckgespenst einer Kreditklemme beschworen. Wider Erwarten aber ist das Gegenteil eingetreten. Die Banken sitzen nun zunehmend auf günstigen Krediten und die Zinsen bei Wirtschaftskrediten befinden sich auf einem historischen Tiefstand. Dennoch ist die Nachfrage nur sehr zurückhaltend und das Kreditgeschäft insgesamt rückläufig. Eine Mehrzahl der Unternehmen aus dem Mittelstand verzichtet jetzt auf Fremdfinanzierung und nutzt stattdessen lieber angespartes Eigenkapital.

http://www.kreditzentrale.com/
Ausschlaggebend für die Haltung der Unternehmen war auch die Finanzkrise in der Europäischen Union, die zu größerer Unsicherheit beigetragen hat und den Impuls stärkte, ein dickeres Eigenkapitalpolster anzulegen. Vielfach sind nun mittelständische und große Unternehmen in der Lage Investitionen alleine durch Innenfinanzierung zu tätigen. Eine gute Konjunkturlage begünstigt diese Haltung. Für die Banken aber ist diese Situation problematisch.

Kleinunternehmer als Kunden eher uninteressant

Bei großen Unternehmen kommen als Finanzierungsmittel Unternehmensanleihen und Schuldscheindarlehen zum Einsatz.

Startups und Kleinunternehmen haben dagegen oftmals Schwierigkeiten einen Kredit zu erhalten, da sie als Kreditnehmer meist nur sehr wenige Sicherheiten anbieten können und so für viele Bankinstitute uninteressant sind. Der klassische Kredit als Finanzierungsform entfällt daher als Möglichkeit. Wenn eine Finanzierung über ein Bankinstitut nicht möglich ist, stellen sich viele Gründer vor allem auf alternative Finanzierungsformen wie Crowdfunding und Bürgschaften ein.

Viele Bankinstitute hoffen, dass sich das rückläufige Kreditgeschäft durch Leitzinssenkungen der Europäischen Zentralbank allmählich belebt, da eine Kreditfinanzierung in dem Fall noch günstiger werden würde. Mehr zu den angesprochenen Themen können Sie auf der Webseite „Kreditzentrale“ finden. Dort kann ich Ihnen ein kostenfreies Ebook zum Thema anbieten, das sie zur privaten Nutzung auf Ihren Handheld-Devices herunterladen können.


Ergänzende Bemerkung TandemVipera:


Hr. Freud bemerkt in seinem kurzen und informativen Beitrag aus dem Bankenleben zum aktuellen Kreditgeschäft: „Viele Bankinstitute hoffen, dass sich das rückläufige Kreditgeschäft durch Leitzinssenkungen der Europäischen Zentralbank allmählich belebt, da eine Kreditfinanzierung in dem Fall noch günstiger werden würde.“.

In der Tat ist dieser Glaube nicht nur bei den (Zentral-)Banken weit verbreitet. Tatsächlich erscheint das Argument auch sehr intuitiv, es suggeriert sogar die "goldrichtige" Lösung der Krise: Nämlich Zentralbank-Kredite für die Banken praktisch kostenlos bereit zu stellen, so dass diese das Zentralbankgeld als vorteilhaftes Geschenk zu Gunsten der Kreditvergabe an Firmen in der Realökonomie nutzen können. Natürlich mit der von der Politik dabei erhofften Folge einer kräftigen Stimulierung des Wachstums und damit auch einer Zunahme von (Vollzeit-) Arbeitsplätzen. Tatsächlich aber ist so etwas bislang nicht eingetreten, zumindest bei weitem nicht im intuitiv zu erwartenden Maße.

Trotzdem gilt natürlich für den Kleinkreditnehmer oder Häuslebauer: Die Zeiten sind ausgesprochen günstig einen Kredit aufzunehmen, wenn man ihn denn wirklich braucht und vor allen Dingen, über die vereinbarte Laufzeit hinweg auch bedienen kann.

Warum aber fragen gerade die, die größeres Wachstum erzeugen könnten, z.Z. kaum Kredite nach? Die vollständig Antwort dazu ist etwas komplex (siehe http://arxiv.org/abs/1407.6334 Kapitel 18, S.52 ff.), denn sie resultiert prinzipiell aus der Tatsache dass eine Volkswirtschaft ein praktisch geschlossenes System mit entsprechenden Rückkoppelungen ist, Betriebswirtschaft dagegen weit flexiblere offene Systeme behandelt. Volkswirtschaftlich mit betriebswirtschaftlichen Argumenten zu hantieren ist daher häufig nur irreführend. Denn geschlossene Systeme können sich diametral entgegen der betriebswirtschaftlichen Intuition verhalten. Dies ist natürlich besonders im Krisenfall gegeben, da ein geschlossenes System genau dann „gegen die Wand“ läuft und betriebswirtschaftliche Argumentationen in der Volkswirtschaft damit zunehmend sinnlos werden.

Trotzdem kann man hier auch recht vereinfacht betriebswirtschaftlich argumentieren:

Dazu fragen wir uns, wie es denn um die Effektivität einer Kreditaufnahme für eine Firma bestellt ist, die im Grunde genommen auch selbst über ausreichend Kapital zur Eigenfinanzierung verfügt: Die Firmen-Kapital-Effektivität ist im Prinzip ja der erzielbare Gewinn geteilt durch die Kosten des Eigenkapitals plus die Kosten eines Kredites. Die „Kosten“ des Eigenkapitals können im normal Fall als negativ angesetzt werden (also Gewinn), da das angelegte Eigenkapital ja selbst Zinsen erwirtschaftet, die man bei Nicht-Verwendung von den Kreditkosten abziehen darf.

Die Kosten von Krediten sind, genauso wie der erzielbare Gewinn durch die Neuinvestition, immer recht nahe an das aktuelle Wirtschaftswachstum gekoppelt (tatsächlich gilt die Faustregel Zinsen>=Inflation>=Wachstum). Was wir als Gewinn erwarten müssen ist nun das Wirtschaftswachstum (denn das haben wir ja sowieso im Hintergrund aller schon bestehenden Investitionen) plus die Kosten für den regulären Bankkredit für die Neuinvestition.

Kredit_Effektivität = (BIP_Wachstum+Kredit_Kosten)/(EK_Kosten + Kredit_Kosten)>1

Die Effektivität sollte natürlich immer größer Null sein, sonst zerrinnt einem das Geld nur so unter den Fingern. Sie muss aber sogar größer als 1 (=100%) sein, um sich gegenüber dem einfachen Nichtstun zu lohnen. Denn ist sie kleiner als 1, dann wäre es nämlich besser gewesen, sowohl eigenes als auch fremdes Kapital dort zu lassen, wo es ehedem schon lag.

Nehmen wir als ein realistisches Beispiel an, dass die Banken im Schnitt dem Geldanleger 2% mehr Zinsen zahlen, als das aktuelle Wachstum der Wirtschaft ist. Das ist dann etwas mehr als die Inflation und der Kunde ist zufrieden. Bei der Vergabe von Krediten muss sie natürlich entsprechend stärker zulangen, um selbst dabei einen Gewinn zu machen. Nehmen wir an, sie verlangen das aktuelle Wirtschaftswachstum plus 6%, was dann einem Bankengewinn von ca. 4% entspräche. Dann sieht die betriebswirtschaftliche Rechnung so aus:

Sei das aktuelle Wachstum 3%, also Einlagezins 5% und Kreditzins 9%, dann ergibt sich:

Effektivität Bankkredit: (3%+9%)/(-5%+9%)=12/4= 3
Eigenfinanzierung: (3%+9%)/(5%)=12/5= 2,4

also: Fremdkredit rechnet sich besser.

Sei aber das aktuelle Wachstum nur 1,5%, also Einlagezins 3,5% und Kreditzins 7,5%, dann ergibt sich:

Effektivität Bankkredit: (1,5%+7,5%)/(-3,5%+7,5%)=9/4= 2,25
Eigenfinanzierung: (1,5%+7,5%)/(3,5%)=90/35= 2,57

also: Eigenkredit rechnet sich jetzt besser.

Wenn wir die zugrunde liegende Funktion gegen das BIP-Wachstum auftragen so sehen wir:


Bei ordentlichem Wachstum lohnen sich daher Fremdkredite. Sinkt das BIP-Wachstum dagegen unter einen kritischen Wert (hier im Beispiel 2%), dann wird die Eigenfinanzierung deutlich effektiver als bei der Bank einen Fremdkredit aufzunehmen. Der Bankenkredit verliert in dem gewählten Beispiel ab -1% Rezession sogar jeden Sinn und wird zum reinen Verlustgeschäft.

Dies ist der prinzipielle betriebswirtschaftliche Grund, warum es eben nichts hilft immer mehr billiges Geld in die Banken zu pumpen. Es wird dadurch nichts besser sondern das Dilemma verfestigt sich nur weiter. Volkswirtschaftlich betrachtet wird die Sache dann noch viel verrückter, da wir ja die Rückwirkung der Kapitalspenden durch die Zentralbank berücksichtigen müssen. Denn dieses billige Geld geht wegen der obigen Problematik vorwiegend in Finanzinstrumente, die dann wiederum verzinst werden und die Eigenkapitaldecke großer Unternehmen stärker werden lässt, was wiederum die Eigenfinanzierung um so effektiver macht.

Die Schlange beißt sich in den Schwanz

Ein selbstbezüglicher Effekt den Politiker, und leider auch viele Volkswirtschaftler, immer noch nicht richtig verstanden haben. Die Ökonomien der Welt leiden nicht unter zu wenig, sondern unter zu viel Geld. Was alleine noch nicht so schlimm wäre, wenn es sich nicht zunehmend in immer weniger Händen konzentrieren würde. Immer mehr Geld dort hin zu schleudern, wo sowieso schon zu viel davon vorhanden ist, nützt unterm Strich gar nichts.

Feuer wird hier sprichwörtlich mit Öl bekämpft. So nahmen die EU-Banken die letzte billige EZB-Tranche ja auch kaum noch an. Warum? Weil die Banken einfach nicht mehr wissen wohin sie mit den vielen Scheinchen noch sollen. Die sind dann sogar geschenkt noch zu teuer. Denn sämtliche Anlagemöglichkeiten sind längst vollgelaufen und die Industrie, die ja selbst in aller Regel schon erheblicher Vermögensbesitzer ist, braucht das Geld schon gar nicht mehr.

Jedenfalls nicht um Wachstum zu finanzieren, wofür die Konsumenten langsam ausgehen, da denen ja die Massenkaufkraft über private und staatliche Instrumente weiter entzogen wird. Weil man nämlich die Bezahlung der gesellschaftlichen Kosten praktisch alleine von Diesen verlangt. Allgemeine Kosten, zu denen ja nun auch noch die Zinslasten für das, an zum Teil sogar obendrein marode Banken, verschenkte Geld hinzu gekommen sind. Die Folge ist Deflation, die Folge davon weniger Wachstum und weniger Zinsen, weniger Kreditnachfrage, und immer die selben verrückten Antworten auf die Krise: Die Zentralbanken wie EZB und FED schmeißen erneut weiteres Geld in den übersättigten Markt und der Kreis dreht folglich die nächste Runde. Solange, bis es dann wieder irgendwo mächtig im Gebälk kracht.

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