Dienstag, 26. Mai 2009

panem et circenses III: Der Hase im Pfeffer.


Die Graphik (Hinweis: Vergrössern durch Anklicken) zeigt den Wirtschaftskreislauf in den wesentlichen Details. Im Zentrum des BIPs stehen die Wirtschaftsteilnehmer, der Staat, die Gewerbe und die Bevölkerung. Zum Gewerbe zählen alle Unternehmen, öffentliche und private, und natürlich auch die Banken, die ja auch ihren Anteil am BIP haben. Dieser Anteil ist in der Statistik des BIPs drin und beträgt in den USA immerhin 8% des BIP. Der rote Sack sind die Konten der Banken, es sind die in der Statistik der Bundesbank verzeichneten Aktiva und Passiva. Die Aktiva sind dabei die Kredite und Papiere, die Passiva die Einlagen, ergo Vermögen, die in gleicher Höhe entgegen stehen. Die Wirtschaftteilnehmer stellen ihre Handelsware in den Kreislauf ein: Das ist etwa Arbeit gegen Lohn, Geld gegen Güter, Steuern und Abgaben an den Staat, der damit wiederum Güter, Dienstleistungen und Arbeitslohn, auch seiner eigenen Angestellten und Beamten, aber auch Hilfen (Subventionen, Renten etc. pp.) an die Wirtschaftsteilnehmer zurück ausschüttet.

Dieses System funktioniert allgemein ganz gut, es hat aber zwei kleine, und leider bedeutende, Schönheitsfehler. Erstens: Während das BIP ein geschlossener Geld-Güter-Kreislauf ist (Güter=Waren und Dienstleistungen), haben die Aktiva/Passiva einen stetigen Zulauf, nämlich die Renditen als Zins und Zinseszins. Der rote Sack ist daher ein Geld-Geld-Halbkreislauf. Der zweite Schönheitsfehler ist: Geld ist einfach nicht tot zu kriegen. Wenn es ausgegeben wird, ist es nicht weg, sondern lediglich in anderen Händen. Und damit über kurz oder lang wieder bei irgendeinem Kreditinstitut auf dem Anlagekonto. Ganz anders beim BIP: Arbeit, Waren und Dienstleistungen haben einen mehr oder weniger kurzen Abschreibungszeitraum, dann sind sie weg.

Der Effekt ist kurz- und mittelfristig vernachlässigbar, langfristig aber verheerend: Passiva, also Vermögen, sammeln sich aufgrund ihrer Haltbarkeit plus des Zinseszinseffektes exponentiell an. Ab einem gewissen Zeitpunkt überschreitet ihr Wachstum jedes noch denkbare Wachstum des BIPs. Dadurch geht einerseits die Deckung der Gelder verloren, und viel schlimmer, weil unmittelbar wirksam, werden die Zinsansprüche dieser Vermögen gegen das BIP erdrückend. Schließlich fressen nämlich diese Zinsansprüche jeden noch möglichen Zugewinn aus dem BIP, und mehr, sofort auf. Der Arbeitnehmer merkt das daran, dass er trotz explodierender Gewinne der Industrie immer weniger netto im Geldbeutel hat.


Die Finanzkrise wird nun meist als Kreditklemme missverstanden. Tatsächlich hat der Kreditfluss gestockt, doch die Ursache dafür liegt schlicht darin, dass das BIP die geforderten Renditen nicht mehr hergeben kann (Bild2): Stockt der Zinsfluss (womit i.d.R. auch ein möglicher Verlust von Vermögen einhergeht), dann stockt selbstverständlich auch der Kreditfluss. Denn wenn man für sein Geld nichts mehr bekommt, dann gibt man es auch nicht her.


Nun, was kann man da tun? Dazu betrachten wir erstmal ein wenig die Mikroökonomie. Bild 3 zeigt den üblichen Weg der Wertschöpfung, am Beispiel eines Häuslebauers, es trifft aber genauso auf alle anderen Konsumenten zu. Aber der US-Häuslebauer spielte ja letztes Jahr eine zentrale Rolle. Nun, der gute Mann braucht dazu einen Kredit, den er sich von der Beispiel-Bank holt. Die Beispielbank hat vorher ein Konto mit dem Wert „Kredit“, der irgendwo aus einem gedeckten Geschäft stammt. Den verleiht er nun gegen Zinsen versteht sich. Der Häuslebauer gibt das einem Bauunternehmer der ihm dafür eine nette Hütte hinsetzt. Den Kredit zahlt er dann aus dem Lohn, der er für seine Arbeit von seinem Arbeitgeber bekommt, ab. Nun, der Bauunternehmer, genau wie jeder(!) andere Wirtschaftsteilnehmer, trägt das Geld das er bekommen hat natürlich nicht in der Brieftasche herum, sondern legt es wieder auf ein Konto, wo er Zinsen dafür bekommt. Dasselbe trifft natürlich auf alle seine Lieferanten und Arbeiter zu, die das alle genauso machen (bis auf eine marginale Bargeldreserve, die jeder so mit sich rumträgt).

Nach einiger Zeit liegt also auf den Konten verschiedener Beispiel-Banken insgesamt 2*Kredit+2*Zinsen, die makroökonomische Gesamtgeldsumme hat sich also mehr als verdoppelt. Das ist auch völlig o.k., denn es liegen ja jetzt auch doppelt soviel Werte vor, nämlich weil das neue Haus hinzugekommen ist. Lediglich die Zinsen sind noch ungedeckt, aber das lässt sich durch ein stetiges Wirtschaftswachstum in mindestens gleicher Höhe ausgleichen. Ein bisschen mehr, weil auch der Wertverlust der Güter ausgeglichen werden muss, was bei Konsumgütern wie Autos oder Stereoanlagen natürlich noch weit deutlicher ausfällt.


Nun kommt aber eine Besonderheit (Bild 4) hinzu: In unserem modernen Finanzsystem ist Geld nicht mehr direkt durch Güter gedeckt, sondern durch Schulden! Das steht in aller Deutlichkeit auf dem Dollarschein. „This note is legal tender for all debts, public and private“, also dieser Geldschein ist legales Tauschmittel für alle öffentlichen und privaten Schulden. Früher stand da etwa „..der Einlöser erhält für diesem Schein Gold im Werte von...“. Das ist tatsächlich auch in Deutschland so, eine Bank erhält von der Bundesbank Geld, wenn Sie nur einen Schuldtitel in der entsprechenden Höhe vorweisen kann. Woher die Schuld im Einzelfalle konkret herrührt, spielt dabei keine Rolle. Diese Lücke im System lässt sich für Wertschöpfung aus dem Nichts ausnutzen, ein zusätzlicher Geldbläh-Effekt, neben der sowieso systemimmanenten Zinseszinsproblematik: Man kann nun im Beispiel solche Häuslebauer und sonstige Kredite in Derivatpakete packen, und gegen Höchstgebot weiterverkaufen. Der Verkäufer steckt einen Gewinn ein, und der Käufer wird das Paket weiter versilbern. Jedenfalls solange sich noch ein Spekulant findet, der noch was drauflegt, so wie unsere fleißigen Landesbanken es getan haben. So bläht man die ungedeckten Kapitalien beliebig weiter auf bis, naja, bis die ersten Hütchenspieler aus dem Schneeballsystem aussteigen. Das ist letztes Jahr passiert.


In der Summe der Effekte hatten wir Ende 2008 also etwa ein BIP von 2490 Mrd. Euro gegen Bankenaktiva/passiva von 8090 Mrd. Euro zu verdauen. Der Abschreibungsbedarf ungedeckter und unverkäuflicher Papiere ist mangels weitere Hütchenspieler nun gigantisch. Abseits der Frage, ob die Hütchenspieler nun einfach, wie es sich gehören würde, den Verlust realisieren, oder ob sie dem BIP-Steuerzahler aufgebrummt werden, stellt sich die Frage: Kann eine steuerlicher Zugriff auf die Vermögen die Kuh vom Eis bringen? Nun sie ahnen es schon, auch das bringt nichts (Bild 5): Denn die Steuern werden ja gleich wieder in den Kreislauf eingespeist, und landen wieder auf irgendeinem verzinsten Konto. Wie gesagt, das Geld ist ja nicht weg, es ist nur in anderen Händen! Dieser scheinbare Ausweg hat also auch nur die Funktion eines Durchlauferhitzers.

Bleibt zu Guter letzt noch die so beliebte Bad-Bank. Kann die das Problem lösen? Jein, muss man sagen. Keinesfalls löst sie das Problem, wenn die Papiere auch nur annähernd zum ehemaligen Nennwert von 2008 angekauft werden. Es wäre reiner Selbstmord für den Staatshaushalt und für die Demokratie. Aber: Man kann den Giftmüll in Verwahrung nehmen, und deren Zinsdruck gegen das BIP erstmal aussetzen. Die Taktik wäre dann, nach einer gewissen Schamfrist, den ganzen Müll für wertlos zu erklären. Der amerikanische Fachausdruck dafür ist lustigerweise "Haircut". Denn das ist der einzig mögliche Weg, es müssen Aktiva/Passiva definitiv vernichtet werden, um den gewaltigen Druck auf das BIP wegzunehmen.


Allerdings darf man dabei nicht knausern: Denn ein paar hundert Mrd. Euro tun da praktisch nichts zur Sache, man muss Billionen vernichten. An der Entwicklung der Aktiva von 1950-2008 der BRD kann man das gut ablesen: Die Vernichtung von 2000 Mrd. Euro würden uns etwa 7 Jahre, 4000 Mrd. rund 12, und die Vernichtung von 6000 Mrd. Euro rund 20 Jahre Luft verschaffen.

Nun kann man einwenden, naja, wir sind ja nicht allein auf der Welt, wir müssen ja auch die Wechselwirkung mit den anderen Ökonomien berücksichtigen, und da könnte ja noch einiges zu machen, und zu retten, sein. Yep, nur leider, dass Ding haben wir bereits gedreht: Globalisierung. Diese Entwicklung, gerade voran getrieben von den USA, kam genau aus der Ecke, dass das in den USA schon viel weiter fortgeschrittene Missverhältnis zwischen BIP/Aktiva dringend weitere Reservoirs benötigte, um seine gewaltigen ungedeckten Vermögenswerte zu parken. Denn wenn andere Volkswirtschaften diese Aktiva absorbieren, dann kann man die Spirale noch weiter drehen, weit über das Verhältnis 1:3 hinaus. Tja, und da haben wir das Problem: Alle anderen Reservoirs sind inzwischen nämlich bereits vollgelaufen bis Oberkante Unterlippe. Diese Rettung auf Kosten externer Volkswirtschaften können wir abschreiben, das ist vorbei. Besonders China kämpft jetzt mit dem Salat, weil es mit 2000 Mrd. Dollar gesegnet ist, wofür es keine Gegenwerte mehr gibt. Chinas Bürger haben ihren sauer verdienten Wohlstand der letzten Jahre in wertlosen grünen Papierscheinchen versenkt.

Ein Berg Papier, der uns jetzt entgegenschwappt, schreibt der Focus: „Schon zweimal brachte eine Inflation die Deutschen um ihre Ersparnisse. Noch sinken die Preise, aber: Die Geldentwertung kommt!“. Da die westlichen Regierungen sich nicht in der Lage sehen, die Aktiva kontrolliert zurück zu führen, wird es wieder eine Inflation bringen.

Kommentare:

  1. Wie rechnen Sie Geschäfte unter Banken aus den Aktiva/Passiva-Berechnung heraus?

    Ein Kredit einer Bank an eine andere bläht schließlich die Zahlen auf.

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  2. Aktiva summiert über sämtlich deutschen Kreditinstitute:

    Bilanzsumme alle Bankengruppen:
    http://www.bundesbank.de/statistik/statistik_zeitreihen.php?lang=de&open=banken&func=row&tr=OU0308

    Höchstand: 10/2008: 8.093,2 Mrd. Euro

    Letzter Wert 3/2009 7.840,3 Mrd. Euro

    Also zum ersten mal ein erkennbare Abnahme, aufgrund der Finanzkrise: Rund 253 Mrd. Euro oder etwa 3,1 Prozent. Das BIP ist im selben Quartal um etwa 3,8 Prozent geschrumpft, ergo hat sich am BIP/Aktiva-Verhältnis nichts positiv geändert. Die 253 Mrd. gehen aber nicht nur auf Abschreibungen, sondern gehen wesentlich auch auf das Konto von Bargeldreserven, Goldkäufen oder Abzug ins Ausland.


    Die Passiva (Einlagen) muss man sich aus den Einzelpositionen zusammenrechnen, die Summe entspricht genau der Aktivasumme (Zahlen von 3/2009)

    Einlagen und aufgenommene Kredite von Banken 2161,4 Mrd. Euro
    Einlagen und aufgenommene Kredite von Nichtbanken 3090,4 Mrd. Euro
    Inhaberschuldverschreibungen 1657,2 Mrd. Euro
    Kapital 370,2 Mrd. Euro
    Sonstige Passiva sowie sonstige verbriefte Verbindlichkeiten, sonstige Treuhandverbindlichkeiten, Wertberichtigungen, Rückstellungen und Sonderposten mit Rücklageanteil. 561,1 Mrd. Euro

    Summe: 7840,3 Mrd. Euro

    Die Summen der Aktiva und Passiva sind immer ausgeglichen, bei Geschäften zwischen Banken wechseln lediglich Aktive und Passivposten hin und her, an der Gesamtsumme ändert sich nichts. Interessant auch der Posten Kapital: Mit nur 4,7 % Eigenkapital stemmen die Banken die riesige Billanz. Aufgrund der jetzt notwendigen Abschreibungen, nach Zusammenbruch des Kartenhauses, ist die Bankenlandschaft so gut wie bankrott. Und wenn der Staat nun die Abschreibungen übernimmt, dann ist er eben bankrott. Man hat nur die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub.

    Beste Grüße, Heribert.

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  3. Der Zins(eszins)mechanismus mag tödlich sein für den Kapitalismus, aber m. E. kann eine eigentumsbasierte Wirtschaft schon ohne diesen Probleme bekommen, wenn die Eigentümer die ihnen (nicht erst aus Geldverzinsung, sondern einfach durch Gewinne) zufließenden Gelder nicht vollständig wieder ausgeben (vgl.
    Die Ökonomie der Artos-Phagen: Warum eine eigentumsbasierte Geldwirtschaft (im Basismodell) nicht dauerhaft funktionieren kann http://beltwild.blogspot.com/2010/01/die-okonomie-der-artos-phagen-warum.html ).

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  4. Hallo Cangrande,

    ja, grundsätzlich haben alle Geldsysteme ein immanentes Akkumulationsproblem. Am geringsten ist es natürlich bei einem streng kontrollierten, Edelmetall basierten System. Also keine Münzverschlechterung wie im römischen Reich. Aber auch da knallt es irgendwann.

    Tatsächlich müsste man ein Geldsystem einführen, dass ganz eng an den tatsächlich verfügbaren Waren und Dienstleistungen orientiert ist. Statt Schuldendeckung also BIP-Deckung. Das wäre schon möglich, wenn auch etwas komplizierter. Aber es würde den Kapitalbesitzern wenig schmecken, denn es verlagert auch faktische Macht auf die Schaffenden des BIP.

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    1. BIP-Deckung, ist das das, wovon mein Vater mir erklärte, daß es im Dritten Reich "Arbeitswährung" genannt wurde, und möglicherweise zumindest bis zur Entmachtung der bürgerlichen SA und der Aufwertung der elitären SS einen grossen Teil des anfänglichen Aufschwunges erklärte?
      Zur Frage, wie diese "Arbeitswährung" dann schon im weiteren Verlauf des Nationalsozialismus und anschliessend auch von den Siegern und heutzutage von den Historikern in eine Irrsinnige nazideutsche Staatsverschuldung umgemünzt werden konnte, musste mein Vater dann allerdings passen.

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