Samstag, 16. Juni 2012

Grexit – Eurexit – und die Frage der Schuldenmoral

Morgen spielt nicht nur Deutschland gegen Dänemark, sondern auch Griechenland versus EURO. Der Ausgang ist in beiden Fällen nicht ganz sicher, und was den Bundesbürger angeht wird vielleicht den Meisten ersteres mehr am Herzen liegen. In beiden Fällen ist der Ausgang aber nicht wirklich entscheidend für das Schicksal der BRD. Allerdings für die Frage der Zeitschiene, nämlich wann man „nach Hause“ fährt. Insbesondere gilt dies für den Euro und Drachme und D-Mark. Deren Revival ist so sicher wie der Tod des Euros, nur wann genau das Euro-Kartenhaus kollabiert ist eine genauso schwierig zu beantwortende Frage, wie wann genau die deutsche EM-Fußballer die Heimreise antreten werden.


Nur, spielt der genau Zeitpunkt wirklich eine Rolle? Bei den Notenbanken stehen die Nackenhaare jedenfalls auf hab acht, und es sind bereits Billionen frisch gepresste Scheine in Stellung gebracht worden, falls das Kapitalistenschreckgespenst und Investorenalbtraum Alexis Tsipras die Wahl für sich entscheiden könnte. Nun, entgegen anderslautenden Behauptungen, der Ausgang ist nicht entscheidend für den Euro, sondern nur für den Zeitpunkt seines Kollapses. Denn wie bei jedem Kartenhaus ist entscheidend, wann der erste Windzug durchs Zimmer weht, und das labile Gebäude umkippt. Denn in Griechenland stehen sich exemplarisch die beiden Seiten der Medaille gegenüber: Die Schulden der Einen und die Vermögen der Anderen, die Vertreter eines Volkes das in Renditehaft genommen werden soll, und die Vertreter der internationalen Finanzsysteme, die auf keinen müden Euro freiwillig verzichten wollen: „Es stehen sich gegenüber: Der Shootingstar der griechischen Politik, Alexis Tsipras, 37, Spitzenkandidat des linksradikalen Parteienbündnisses Syriza. Und: Antonis Samaras, 61, krisenerfahrener Politveteran und Vorsitzender der konservativen Nea Dimokratia. Tsipras verspricht den Menschen, nach seinem Sieg sämtliche Sparabkommen mit Griechenlands internationalen Kreditgebern umgehend zu annullieren. Samaras will den Sparkurs fortsetzen und droht: "Wer Tsipras seine Stimme gibt, riskiert die Zukunft unserer Kinder." “.
 
Nun Samaras ist natürlich der alte Vertreter genau der völlig korrupten Banden, die sie sich an dem ganzen Schuldenschlamassel jahrzehntelang sinnlos bereichert haben. Einstehen dafür sollen nun aber genau die Kinder und Enkel der arbeitenden griechischen Bevölkerung, die von den Einnahmen der Politik-, Wirtschafts- und Finanzgranden der Nea Dimokratia und Pasok nie etwas hatten, und auch nie etwas haben sollen. "Wer Tsipras seine Stimme gibt, riskiert die Zukunft unserer Kinder.", ist genauso verlogen wie schon immer die Politik dieser Ganoven in Nadelstreifen gewesen ist.

Tsipras dagegen will darunter einen Schlussstrich ziehen, nach dem Motto „unsere Schulden sind eure Vermögen, und dann schaut gefälligst selbst wie er das Problem geregelt kriegt“. So schreibt der Stern treffend: „Die Kandidaten passen dazu. Denn beide haben kein Rezept zur Lösung der Krise. Sie können es nicht haben. Denn das Schicksal des Landes liegt längst nicht mehr in der Hand der griechischen Regierung. Darüber entscheiden andere - in Berlin, Brüssel, New York. Für die neuen Machthaber in Athen geht es vor allem um die Frage, wie man mit denen umgehen soll, an dessen Finanztropf man hängt.“ Dabei ist Tsipras Rezept für die Griechen das klar bessere: „Tsipras setzt darauf, dass die Geldgeber der Troika (EU, Zentralbank und Währungsfond) Griechenland nie und nimmer fallen lassen werden. Dass weder die Aufkündigung des Sparabkommens noch die von ihm angekündigte vorläufige Einstellung des Schuldendienstes irgendwelche Konsequenzen haben werden. Seiner Meinung nach ist Griechenland für die Euro-Zone so wichtig, dass die Gläubiger eine Rückkehr zur Drachme nicht zulassen werden....Und so paradox es in den Ohren anderer europäischer Steuerzahler klingen mag: Tsipras' Strategie könnte aufgehen.“.

Denn genauso ist es, man wird den Griechen notfalls das Geld hinterher tragen, um das europäische Kartenhaus noch länger am Leben zu erhalten: „Samaras dagegen steht für das alte verhasste System. Er entstammt einem mächtigen Politiker-Clan. Seine Partei war - ebenso wie die bis November regierende sozialistische Pasok - in reihenweise Korruptionsskandale verwickelt. Von Samaras heißt es, er sei förmlich besessen von dem Wunsch Premierminister zu werden.“. Klar doch, nur in dieser Position kann er die Euro-Pfründe seiner Klientel noch länger verteidigen.


Bei alle dem muss man sich aber fragen, was Schuldenmoral eigentlich bedeutet. Denn normalerweise ist das eigentlich klar, wer die Schulden macht, der bezahlt sie auch. In privaten-betriebswirtschaftlichen Zusammenhängen ist daran auch kaum etwas auszusetzen. Kaum, wenn die Zinssätze angemessen sind und die Schuld spätestens mit der Rückzahlung oder dem Tod des Schuldners endet. Erbschulden gibt es nämlich grundsätzlich im Privatrecht nicht, sofern man nicht so blöde ist, ein verschuldetes Erbe explicitis verbis an zu treten. Deswegen verleihen Banken so gut wie nie längerfristige Kredite an alte Menschen ohne entsprechende verbriefte Sicherheiten (Hypotheken), denn die hohe Sterbewahrscheinlichkeit lässt sonst den Kredit auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Das nennt man übrigens Geschäftsrisiko, ein Wort das unter Bankern zu Zeit ziemlich abhanden gekommen ist.

Denn volkswirtschaftlich stellt sich die Schuldenfrage und Schuldenmoral völlig anders. Erstens: hier verschwinden Schulden grundsätzlich niemals, denn da im FIAT-Geldsystem die Schulden des Einen immer die Vermögen des Anderen sind, bleiben sie auch immer volkswirtschaftlich erhalten. Sie werden lediglich weiter gereicht und sollen dann durch entsprechendes Wirtschaftswachstum ausgeglichen werden. Die zweite Ungereimtheit ist, dass diejenigen die aktuell an der volkswirtschaftlichen, und insbesondere der staatlichen Verschuldung verdienen, nicht diejenigen sind, die diese zurück zahlen (sollen). Denn noch nie, auch in der BRD nicht, wurden die staatlichen Schulden zeitnah zurück gezahlt. Ganz im Gegenteil, sie werden einfach revolviert und ständig vergrößert. Das funktioniert solange, bis die Kartenhausbauer und Profiteure, ob der erschreckenden Höhe der prinzipiell unbezahlbaren Schulden, erstmals so richtig nervös werden.

In dem Moment geht es dann plötzlich um „Moral“, also Schuldenmoral. Und da wird dann plötzlich wieder betriebswirtschaftlich argumentiert, statt sachlich. Während diejenigen, die in den vergangen Jahrzehnten am Schulden machen reich geworden sind längst ihre Schäfchen in Sicherheit gebracht haben, sei es in Form von Sachwerten wie Häuser, Grundstücke, Firmen, Villen und Luxusjachten, oder schlicht und ergreifend schon tot sind, sollen diejenigen die in Zukunft ihre Hoffnungen auf Arbeit und Wohlstand begraben müssen die Schulden der Ahnen abbezahlen. Ahnen, die in aller Regel noch nicht einmal die eigenen Ahnen sind. So die inzwischen 50% Arbeitslosen Jugendlichen in Griechenland und Spanien, bald in Cyprus und Italien, und nach nicht allzu langer Zeit, ganz am Ende der Dominoreihe auch die in der BRD.

Erfolgreich hat man den schaffenden Bürgern Europas eingeredet, dass sie es sind, die moralisch in der Pflicht stünden, die Schulden der Alten und Reichen zu begleichen. Das ist aber nicht so. Privatrechtlich ist das ganz klar, völkerrechtlich wird der Spieß aber ins Gegenteil verkehrt. Und dafür sind nicht nur Politiker und Lobbyisten verantwortlich, sondern vor allen Dingen auch ökonomisch völlig inkompetente Journalisten aller Gazetten, die den Blödsinn volkswirtschaftlicher Schuldverpflichtungen der aktuellen und kommenden Jugend vorbehaltlos nachplappern.

Die Moralfrage von Schulden trifft jedoch ausschließlich die Alten und Reichen, die nämlich aus den Schuldverpflichtung der Nachkommenden ihre Vermögen zauberten, ihre Sachgüter und Vererbungen an ihre, und nur ihre, Nachkommen die sich etwa mit Paris Hilton in Nizza vergnügen. Mit deren „Problemen“ haben die Nachkommenden moralisch gar nichts am Hut, und wenn Sie in Zukunft dann auch militant auf die Straße gehen (müssen) um ihre Rechte zu verteidigen, dann können Sie sicher sein dass man dann wieder den völlig verlogenen Moralkleister der Schuldenfrage über sie auskübeln wird: Opfer werden zu Tätern, Täter zu Opfern umdefiniert.

Jedoch, in der Frage der Begleichung von Schulden die man nicht wirklich gemacht hat, gibt es keine gerechtfertigte Moralfrage. Man muss es klar sagen: Es existiert keine moralische Verpflichtung, der aktuellen und kommenden schaffenden Bevölkerung, die Schulden der saturierten Alten zu begleichen. Ganz im Gegenteil besteht eine vehemente moralische Verpflichtung der aktuell Reichen, Besitzenden und Ererbten Vermögenden für das Dilemma einzustehen. Und eine ethische Verpflichtung aller Politiker, dafür zu sorgen. Was man jedoch weit von sich weist.

Bezeichnend hier auch die aktuelle „Rettung“ Spaniens. So sind es hier die faulen Immobilienkredite, die mit 100 Milliarden Euro der aktuellen und kommenden Jugend refinanziert werden. Wohl gesagt, nicht etwa dass damit einfach die Häuser die dahinter stehen ausgelöst würden, nein das Geld dient ausschließlich dazu, die betreffenden Banken vor dem Ruin zu retten, so dass diese tatsächlich weiterhin täglich 40 arbeitslos gewordene Familien alleine in Madrid aus ihren Häusern jagen können, um die Hütte dann meist bietend an irgendeinen privaten Investor zu verhökern.

Statt dessen hätte der spanische Staat aber auch ganz einfach betriebswirtschaftlich argumentieren können: „O.k., ihr habt ein Problem mit unbezahlten Immobilienkrediten? Na, dann gebt mal Euro Sicherheiten her, und wir kaufen die jetzt alle zu Marktpreisen auf. Die Immo's gehören dann also dem Staat, die eventuell fehlenden Restbeträge müsst ihr halt von den Portfolios eurer Investoren streichen. Euer Pech. Oder Geschäftsrisisko, wenn sie so wollen.“. Die Wohnungen und andere Immobilien der Spanier wären dann wieder im Besitz des Volkes gekommen, und der Staat hätte dann einfach Mieten und/oder Abzahlungen kassiert und gestreckt. Aber weit gefehlt, stattdessen bleibt alles im Besitz der Banken und deren Geschäftsrisiko wurde sozialisiert, und die spanische Polizei muss ihre eigenen Mitbürger teilweise aus den Häusern prügeln. Und das wird von vielen Journalien auch oft genug noch als moralisch gerechtfertigt verkauft.

Wenn die Griechen morgen wählen, so haben sie nur die Wahl zwischen einem Ende mit Schrecken oder dem Schrecken ohne Ende. Und ebenso gilt das für den Euro: Da die Schuldenkrise prinzipiell nur durch eine echte Währungs- und Vermögensreform, oder hinterrücks durch eine Megainflation, zu lösen ist, stellt sich dort die gleiche Frage: Ein Ende mit Schrecken jetzt oder ein Prolongierung des Schreckens bis sämtliche Hauptstädte Europas wieder in Flammen stehen? Die Natur des Menschen ist feiger weise immer dem letzteren zugeneigt. Statt das Absehbare vorzuziehen, versucht man es solange von sich zu weisen, bis es noch schlimmer kommt als man es sich je ausmalen mochte.

Dem Bundesbürger sind diese Lichter noch gar nicht aufgegangen, denn der BRD geht es zur Zeit noch so gut, da sie u.a. wegen der Schwäche der Konkurrenz ihre Staatsanleihen faktisch seit mehreren Jahren zum Nulltarif revolvieren kann. Die Investoren glauben, trügerischerweise, an die langfristige Solidität Deutschlands, und zahlen deswegen für „Sicherheit“ mit dem völligen Verzicht auf reale Renditen. Das wird sich aber mit dem kommenden „Fiskalpaket“ radikal ändern. Denn mit der zunehmend offenkundigen EU-weiten Vergesellschaftung aller Schulden verliert Deutschland dann diese Illusion von Solidität. Die Renditen der deutschen Anleihen steigen dann auf das gleiche unbezahlbare Niveau wie bei den Südländern. Und damit knickt das Wachstum endgültig auch hier ein, mit explodierender Arbeitslosigkeit und Armut.

Und auch mit der explodierender Schuldmoral-Frage: Wer hat die Schulden gemacht, wer hat davon profitiert? Wer soll sie jetzt bezahlen? Wer soll mit seinem und seiner Kinder Lebensglück dafür einstehen? Sollten Sie je so unverschämt sein, diese Frage ernsthaft zu stellen, dann können Sie sicher sein, dass man wieder den völlig verlogenen Moralkleister der Schuldenfrage über Sie auskübeln wird.

Kommentare:

  1. wieder ein durchdachter Beitrag.Bravo.

    Bleibt nur die Frage, wie man sein kleines Erspartes sichern kann, im wackelnden FIAT-Kartenhaus...

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  2. Wie heisst es so schön in der WEB2.0 Welt: Gefällt Mir!

    Ich möchte mir erlauben auch noch auf einen Griechischen Dokumentarfilm aufmerksam zu machen der sich mit der Frage der Rechtmässigkeit der Schulden beschäftigt: http://www.debtocracy.gr/

    Die Macher haben vor Kurzem nachgelegt und einen neuen Film über Privatisierung namens CATASTROICA gemacht:
    http://www.catastroika.gr/

    Beide Filme sind mit englischen bzw deutschen Untertiteln bei dailymotion.com verfügbar:
    www.dailymotion.com%2Fvideo%2Fxqehlo_catastroika-multilingual_shortfilms

    http://www.dailymotion.com/video/xik4kh_debtocracy-international-version_shortfilms?search_algo=1

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